Workshops von Profi-Theatertänzern

Mit 100 Laien Abschied tanzen

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Die Zeit des Tanztheaters in Darmstadt schlich rasant vorüber.

Darmstadt - Uwe Hein hat seine Botschaft ans Publikum in drei Worte verpackt. Der 62-Jährige will „einfach so leben“. Oder aber „so einfach leben“. Jedenfalls „einfach leben. So!“. Von Thomas Meier 

Der Lehrer und psychologische Berater war einer von 100 Tänzern auf der Bühne des Kleinen Hauses im Staatstheater Darmstadt. So viele hatten sich angemeldet zum Abschiedsprojekt des Tanztheaters Darmstadt mit dem zum Anlass verwirrenden Titel „Auf Wiedersehen“. Und sie hatten mit ihrer Begeisterung für ausdrucksstarke Bewegung für ein volles Kleines Haus gesorgt. Für frenetischen Schlussapplaus und für Tränen. Letztere waren nicht theatralisch. Sie waren echt und dem Abschied würdig.

„Erstmals seit 300 Jahren wird es in Darmstadt keine eigene Tanz-Kompagnie geben“, bedauerte der ebenfalls von Darmstadts Bühne scheidende Intendant John Dews bereits vor längerem. Er wie Christina Comtesse, seit acht Jahren Ballettmeisterin und choreografische Assistentin am Tanztheater des Staatstheaters Darmstadt, sind traurig, dass Tänzer entlassen wurden und „wieder einmal ein Tanztheater begraben“ wird. So sahen es wohl die meisten der am Abschiedsprojekt Beteiligten.

Die Zeit des Tanztheaters in Darmstadt schlich rasant vorüber.

„Danke“ wollte das Tanztheater sagen und lud 100 Teilnehmer zwischen sechs und 99 Jahren zu einem mehrtägigen Tanzworkshop ein. Letztmals hatten Laien die Gelegenheit, mit den 16 Tänzern des Ensembles eine Choreografie zu erarbeiten. An vier Workshoptagen trainierten die 100 (tatsächlich im Alter von acht bis 80), die aus Darmstadt und dem weiteren Umland kamen. Wie die Profis studierten sie unter der Anleitung der Ballettmeisterin Comtesse und weiterer Mitglieder der Kompagnie eine Choreografie ein. Josefine Sautier, verantwortlich für die Organisation, sagt: „Wir brauchten keine große Werbung für das Schlussprojekt. Die Anmeldungen kamen, kaum dass wir das Angebot auf unsere Newsletter ins Internet gestellt hatten.“

Ein bewegendes Stück

Ursprünglich geplant waren vier Gruppen zu je 25 Tanzbegeisterten, die sich am Ende zu einer gemeinsamen Präsentation zusammen schließen. Es wurden jedoch auch kleinere Formationen separiert. Sechs Stunden Probe plus einer General-Zusammenführung schweißten die Teilnehmer zusammen, die einzig eine Voraussetzung zu erfüllen hatten: Freude an der Bewegung. Am Sonntag vor der 70-minütigen Aufführung gab es noch einen Durchlauf, und dann ging es auch an und in die Aufführung vor großem Publikum.

Marita Bahmer und Dieter Keßler waren vom Workshop begeistert.

Aufgeführt wurde ein bewegtes und sehr bewegendes Stück rund ums Thema Abschied. Schon die Musikauswahl verriet die künstlerische Raffinesse der Profis. Glück und Leid, Abschiedsschmerz und Wiedersehensfreude wechselten in rasantem Spiel. Die Zeit schlich dabei in der gemächlichen Figur einer von einem Kind gerittenen Schildkröte über den Ballettboden. Kleine Geschichten aus der Historie des zehnjährigen Bestehens der jüngsten Kompagnie wurden erzählt. Etwa die einer betagten Dame, die sich herzzerreißend mit dem Wegzug des Tanztheaters gen Wiesbaden ihrer Rolle als Nebendarstellerin beraubt sieht. Oder der beiden Tänzerinnen, die einen ganzen Koffer von Erinnerungen an ihren ersten Workshop vor acht Jahren öffneten, als sie sich erstmals begegneten. Sie sahen sich beim letzten Workshop zum zweiten Male in ihrem Leben, was der Ballettmeisterin ein nachdächtig machendes Zwischenspiel wert war.

„Ich habe fast einen Nervenzusammenbruch gehabt“, sagte Christina Comtesse nach der Aufführung. Nun, sie übte sich ausnahmsweise wohl nicht in britischem Understatement. 100 Laien auf der Bühne in ein sinniges, ästhetisches und symphatisches Tanztheater in dieser Kürze der Zeit zu verwandeln, schien anfangs einem Hexenwerk gleich zu kommen. Doch die Engländerin mit dem typischen Insel-Akzent versteht ihr Handwerk. Ihr zur Hand ging das eingespielte Team von 16 Profi-Tänzerinnen und Tänzern des Darmstädter Tanztheaters, das sich voller Hingabe auf die Teilnehmer einließ.

Tanztheater in Darmstadt

Tanztheater in Darmstadt

„Es war absolut toll, wie sich alle um uns gekümmert haben“, sagt etwa Marita Bahmer aus Dieburg, die sofort noch einmal ein solches Seminar mitmachen würde. Die Mitarbeiterin in einem großen Turnverein schwärmt vom „vielen Input“, das sie im Workshop bekam. Auch Dieter Kessler aus Darmstadt bedauert zutiefst, dass es in der Heinerstadt wohl kein solches Angebot mehr geben wird. Der 56-jährige Informatiker tanzt schon lange, besuchte auch „vor Jahren“ Seminare und Workshops. Er ist sich sicher: „Solche Stimmung, wie sie diese Profis unter die Laien bringen, wird es hier nicht mehr geben.“

„So einfach leben“ wie bei Uwe Hein können die Tänzer nicht mehr beim Theater Darmstadt. Von den 16 werden nur zwei vom neuen „Hessischen Staatsballett Darmstadt/Wiesbaden“ übernommen.

Quelle: op-online.de

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