„Woyzeck“  bei Offenbacher Theateressenz

Der Dichter und sein Henker

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Keine lichte Geschichte: „Woyzeck“

Offenbach - „Es wird so dunkel, man meint, man wird blind. “ Diesen Satz von Georg Büchner hat Roberto Ciulli beim Wort genommen. Seine „Woyzeck“-Inszenierung ist eine düstere Angelegenheit. Von Markus Terharn

Erarbeitet fürs Theater an der Ruhr in Mülheim, ist sie zur Saisoneröffnung der Theateressenz in Offenbachs Capitol zu erleben gewesen.

Ist ja auch keine lichte Geschichte, die des Franz Woyzeck, der im Kerker (es könnte auch eine Klapse sein) drei Jahre lang seiner Hinrichtung harrt, nachdem er die Mutter seines Sohnes erstochen hat. Die Rückblendenstruktur hat sich Ciulli als zentrales Element einfallen lassen. Sie erlaubt ihm, mit der Reihenfolge der Bilder, vom Autor des Fragments nicht festgelegt, frei zu verfahren.

Obwohl: „Sehr vage“, wie ankündigend behauptet, hält der Regisseur sich nicht an die Vorlage. Im Gegenteil, der Umgang ist werkgetreu, der Text 100 Prozent Büchner. Es ist auch, wie der Untertitel verheißt, „ein musikalischer Fall“. Aber dies ist ebenfalls im Original so angelegt, das mit Alban Bergs „Wozzeck“ nicht zufällig eine ganz große Oper inspiriert hat.

Ganz großes Drama also. Mit einem beeindruckenden Rupert J. Seidl in der Hauptrolle, der dem Leidensmann erschütternd Gestalt verleiht. Mit einer sinnlichen Dagmar Geppert, die der Marie eine Mischung aus Lebensgier und Flatterhaftigkeit mitgibt. Und mit einem überzeugenden Khosrou Mahmoudi, der das Kind zwischen Verspieltheit und Verstörung anlegt.

Alle übrigen lösen sich einzeln aus dem achtköpfigen, von Matthias Flake geleiteten Streicher- und Bläserorchester, um danach wieder in ihm aufzugehen: Steffen Reuber als sadistischer Hauptmann, der bei Woyzeck Misstrauen gegen Marie sät. Fabio Menéndez als skrupelloser Arzt, der ihn für medizinische Versuche missbraucht. Ein bulliger Tambourmajor, der ihm Hörner aufsetzt und ihn verprügelt. Und ein schmächtiger Jude, der ihm ein Messer verkauft und auf frappante Weise Jesus ähnelt.

Grandios auch diese Idee: Büchners berühmtes Anti-Sterntaler-Märchen aus einer vollkommen trostlosen Welt bekommt der Junge nicht von der Großmutter erzählt – sondern vom Henker...

Das Publikum braucht ein paar Sekunden zur Erholung, ehe der Beifall losbricht.

Quelle: op-online.de

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