Wozu das alles?

Wirtschaftsweise: Doktor Hoechst (Andreas Manz) erklärt die Welt am Küchentisch.Foto: Barbara Aumüller

Studiert hat Faust bekanntlich allerlei, Philosophie, auch Theologie darunter.

Unterstellen wir kühn, er hätte seinen Sohn kennen gelernt – was würde er ihm geraten haben? „Du gehst auf die Wirtschafts-Universität!“, schleudert ihm der moderne Faust in Titelgestalt des Doktor Hoechst entgegen, wie ihn jetzt das Staatstheater Darmstadt mit einer Uraufführung des renommierten Wiener Autors Robert Menasse auf die Bühne seines Kleinen Hauses gebracht hat.

Dieses „Faustspiel“, so der Untertitel von „Doktor Hoechst“, kann man getrost übersehen. Der erklärte Versuch des Autors, Goethes „Faust“ in die Gegenwart zu transferieren, scheitert just an der Schnelllebigkeit der Gegenwart. Wir sollen uns diesen Doktor Hoechst als einen kapitalistischen Menschen vorstellen, der nicht damit zurechtkommt, dass ausgerechnet sein eigener Sohn Philosophie studiert. Die Seele soll für den Weltfrieden verkauft werden, an Stelle vom Verweilen des schönen Augenblicks soll das unendliche Wachstum stehen, Sohn Raphael stellt altväterlich fest: „Wir Menschen sind zu wenig empathiebegabt.“

Auch dieser Hoechst/Faust reist: nach Auschwitz, nach Nagasaki, ins Chile des Generals Pinochet. Zwischenstationen eines langen, dreieinhalb Stunden dauernden Abends, der am Kanzlertisch seinem Ende entgegen geht. Da schwadroniert Doktor Hoechst zur aktuellen Finanzkrise, hüllt sich in Politiker-Jargon. Hübsche Idee. Sollte aber eine „Faust“-Persiflage beabsichtigt gewesen sein, so fällt sie zu bieder, zu wenig humorvoll, zu langatmig aus. Tilman Meyn als Sohn Raphael imitiert bei einer Bewerbung als „Faust“-Schauspieler, seinen eigenen Vater in einem Dialog immerhin angemessen gehetzt, seine Mutter Karin Klein heißt hier nicht Gretchen, sondern „Gräten“, und es werden darüber eingangs kalauerhafte Querbezüge zur Anatomie von Fischen geschlagen. Mephisto ist ein kleiner, lustig winkender Roboter-Spielzeugpudel.

Menasses „Doktor Hoechst – ein Faustspiel“ hat wenig Esprit; es verpuffen bekannte „Faust“-Zitate, wobei ein bildungsbürgerlicher Wiedererkennungswert sicher nicht beabsichtigt war. Aber was sonst? Der ausführliche Text, in dem sich Titel-Schauspieler Andreas Manz immer wieder verheddert, hätte von Uraufführungs-Regisseur Hermann Schein in Frage gestellt werden sollen, ja müssen. So bleibt in seinem von Schlager-Einlagen durchmixten, modernen „Faust“-Potpourri, das in der Ausstattung Stefan Heymes meist von einem altarartig aufgebauten Küchentisch geprägt ist, nur die Frage: Wozu eigentlich dieses in Darmstadt uraufgeführte „Faustspiel“? JÖRG SANDER

Weitere Vorstellungen am 3., 9., 16. und 19. Mai sowie am 4., 13., 18. und 25. Juni.

Quelle: op-online.de

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