John Dews Darmstädter „Walküre“ ist vor allem ein musikalischer Genuss

Wünschen und Wollen

Farbenreichen Wagner-Gesang bieten Christian Elsner und Susanne Serfling als Geschwisterpaar Siegmund und Sieglinde auf. Foto: Barbara Aumüller

Darmstadt - Die Götter geben sich bürgerlich: Wotan und Fricka tragen ihre Machtspiele in jenem dunkelbraunen Mobiliar aus, in dem sich zuvor bereits Siegmund und Sieglinde begegnet sind. Von Axel Zibulski

Selbst die Weltesche, die vor sieben Jahren in Dews Wiesbadener Inszenierung der „Walküre“ noch die Bühne prägte, deutet sich nun lediglich in hohen, quaderförmigen Versatzstücken aus Holz an, die das Geschehen umgrenzen.

Mit ruhiger, zuweilen allzu ruhiger Hand erzählt John Dew im Staatstheater Darmstadt Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ weiter. Dass sich in seiner Darmstädter Neuauflage die Götter im „Rheingold“ ihr Walhall noch als Atomkraftwerk errichten ließen, ist in der Fortsetzung der Tetralogie vergessen. Zumindest der Walküren-Ritt spielt als freche Show-Szene vor den Bildschirmen einer Luftraumüberwachung, und Wotans Abschied von Brünnhilde endet im atmosphärisch bewegenden „Feuerzauber“ mit gleichsam züngelnden roten Tüchern (Bühne: Heinz Balthes). Die ersten beiden Akte hingegen haben sich einer konzertanten Aufführung stark angenähert.

So steht in Darmstadt, durchaus verdient, die musikalische Seite dieser „Walküre“ im Vordergrund. Denn was das um wenige Gäste verstärkte Ensemble des Staatstheaters leistet, ist äußerst beachtlich. Ralf Lukas als Wotan hat sich gegenüber dem Darmstädter „Rheingold“ hörbar stabilisiert: Sein Monolog im zweiten Akt bietet ein Höchstmaß an wortgenau ausdeutender Deklamation. Als Geschwisterpaar Sieglinde und Siegmund verzichten Susanne Serfling und Christian Elsner auf den Effekt purer Stemmkraft, gerade Elsner, hörbar versierter Liedinterpret, bietet Wagner-Gesang mit lyrischer Belcanto-Grundierung, farbenreich, geschmeidig, textgenau und doch, wie in den „Wälse“-Rufen, stabil und präsent.

So gelingt den Solisten, was die oft statisch bleibende Regie versäumt: Sie allein arbeiten die immer wieder aufbrechenden inneren Konflikte der Figuren zwischen strategischem Handeln und eigentlichem Wollen heraus. Wotan muss seine Tochter Brünnhilde verstoßen, nachdem sie jene Unterstützung für Siegmund geleistet hat, die auch Wotan ursprünglich beabsichtigt hat, nach dem Disput mit seiner Gattin Fricka aber versagen muss.

Fricka drängt den Inzest zu sühnen, wobei Gundula Hintz in der Partie der Göttergattin jene vokale Genauigkeit und Natürlichkeit vermissen lässt, die etwa Katrin Gerstenbergers bravouröse Brünnhilde auszeichnet. John in Eichen verstärkt als Hunding das Ensemble zuverlässig, tadellos auch das Walküren-Oktett, das Generalmusikdirektor Constantin Trinks so einfühlsam führt wie sein Darmstädter Staatsorchester, das über fünf Stunden höchst konzentriert, sängerfreundlich dezent und stets lebendig diese musikalisch überzeugende „Walküre“ grundiert.

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Quelle: op-online.de

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