Gesammelte Ritualobjekte aus Papua-Neuguinea

Wunder Punkt der Ethnologie

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Aufreihung der bei der Sepik-Expedition 1961 gesammelten Objekte im Neckermann-Haus am Danziger Platz.

Frankfurt - Raubkunst ist derzeit in aller Munde. Auch im Frankfurter Weltkulturen-Museum, bei dem sich die Jahresausstellung „Ware & Wissen“ mit der Frage beschäftigt, warum noch 1961 Anthropologen des Frankfurter Völkerkundemuseums und Frobenius-Instituts bei ihrer Expedition zum Fluss Sepik in Papua Neuguinea zu jedem Forschungsobjekt gleich Serien mitbrachten. Von Reinhold Gries 

Man kehrte mit über 4000 Ritual-Objekten zurück, die heute im Herkunftsland fehlen. Angeregt durch internationale Workshops und interkulturelle Forschungen von Peggy Buth, Minerva Cuevas, Luke Willis Thompson und David Weber-Krebs setzt man sich mit der bisherigen Verwaltung von Menschen und Waren und dem befremdlichen Einsatz ethnologischer Fotografie auseinander.

Erstmals zeigt man dazu eine bisher verborgen gehaltene Nacktfotografie-Serie des Gründungsdirektors des Museums, Bernhard Hagen, der vor 1904 als Arzt auf Plantagen in Südostasien gearbeitet hatte. Die bis zur serienmäßiger „Vermessung“ männlicher Penisse gehenden Beispiele werfen unbequeme Fragen auf, welcher Art Hagens Interesse an den von ihm behandelten Wanderarbeitern war.

Auch beim Betrachten von Menschen-Fotografien katholischer Missionare wie Paul Schebesta und Martin Gusinde befremdet es heute, wie fasziniert die Fotografen damals von der Typologie der Menschheit waren. Einerseits ging es um Abweichungen vom europäischen Körperbau, andererseits generierte man mit solchen Fotos Gelder für weitere Missionsreisen. Wie ausgestellte Ritualobjekte, die im Museum ursprünglicher Magie und Aura beraubt sind, wurden Menschen als Ware klassifiziert, von vorn, von hinten und von der Seite fotografiert.

Gründung des Museums vor 110 Jahren

Aufreihung der bei der Sepik-Expedition 1961 gesammelten Objekte im Neckermann-Haus am Danziger Platz.

Schon bei der Gründung des Museums vor 110 Jahren war der Run auf materielle wie künstlerische Ausdrucksformen untergehender Kulturen groß. Je populärer Häuptlingsstühle, Geldgürtel und Zeremonialmasken wurden, umso mehr Leute wollten das mit eigenen Augen sehen. Auf diesen historischen Zug der multikulturellen „Wunderkammer“ springt die jetzige Ausstellung nicht auf. Wandtexte, seriell gereihte Sammelobjekte, Fotografien und Installationen bauen auf Reflexion und Wissen.

Vielsagend auch das Statement von Museumsleiterin Clémentine Deliss: „Die Ausstellung ist das Ergebnis einjähriger Recherche in unseren Archiven und Sammlungen. Sie beginnt mit einer Frage: Welcher Art war die Beziehung zwischen diesem Museum und den Handels- und Geschäftsbanken am anderen Ufer des Mains“

„Ware & Wissen“ bis 4. Januar 2015 im Weltkulturen-Museum, Schaumainkai 29-37, Frankfurt. Geöffnet: Dienstag bis Sonntag von 11-18 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr

Zur Eröffnung des Museums erklärte Bernhard Hagen, dass die Ethnographie einen Beitrag zur Entwicklung zukünftiger globaler Märkte leisten könne. Wissen über andere Kulturen sollten deutschen Händlern das Fundament für erfolgreichen Außenhandel beschaffen. In diesem Zusammenhang hat es einen besonderen Reiz inmitten der EZB-Stadt, die in Muscheln, Glasperlen und Ritualobjekten zu bemessenden Währungen afrikanischer wie südostasiatischer Völker mit heutiger Währung in Beziehung zu setzen. Das hindert den Besucher keineswegs, die Schönheit solcher Erzeugnisse und Kulturobjekte zu genießen, die ihren Eigenwert behält.

Ob sie wirklich rechtmäßig in Frankfurt sind, ist freilich eine andere Frage. Wenn man der Rückführung von Kulturgut konsequent nachginge, würden allerdings berühmte Museen in Paris, London, Berlin oder anderswo zu gespenstisch leeren Orten.

Quelle: op-online.de

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