Hagen Rether in der Alten Oper

Wutbürger und Vegetarier

Frankfurt - Der heilige Zorn ist verraucht. Hagen Rether hat der Wut ein neues Konzept entgegengesetzt. Von Carsten Müller

Man solle sich einen Abend lang mal so richtig durchlangweilen, kündigt der Politkabarettist nach dem ausgedehnten Klavier-Intro im voll besetzten Großen Saal der Frankfurter Alten Oper an. Der Ton ist nachdenklicher geworden, verbal abgerüstet hat der Zyniker keineswegs – dennoch kämpft man angesichts des intensiven dreieinhalbstündigen Auftritts mit Konzentrationsschwierigkeiten.

Wie der mit Preisen überhäufte Essener im Bürostuhl lehnt, das Klavier mehr Requisit und Putzobjekt als Instrument, mit unterschwelligem Ruhrpott-Slang gesellschaftliche Missstände auf den wunden Punkt bringt, hat der Abend mehr von einem Abend in der Wohnküche einer Sponti-WG. An dem freilich nur einer spricht, ohne zu dozieren – mit bissigen Pointen, dramaturgisch gesetzten Pausen und dialektischen Exkursen.

Schul- und Arbeitsstress, Bildung und Erziehung

Schul- und Arbeitsstress, Bildung und Erziehung, Fernsehen („N24 ist die Sesamstraße für Arschgeigen“), Kirche und Missbrauch, US-Imperialismus und ein westlicher Wohlstand, der auf Leichen steht, die antisemitische Konstante von Kant über Koch bis Kauder: Tiefe Einsichten, schmerzhafte Wahrheiten und manche Widersprüchlichkeiten prägen Rethers kabarettistische Lehrstunden. Und wie er gerade mit den grünen Helden seiner Jugend abrechnet, blickt er auf die Uhr: „Jesses, schon fünf nach zehn. Komm, wir fangen an!“

Von Wutbürgern bis Vegetariern, von Briefgeheimnis und Achselhaaren bis Wirtschaftsforschung und Esoterik spannt sich der Bogen. Unterhaltsam ist das, manchmal witzig. Doch Rethers Auftritte sind alles andere als ein Bestätigungskabarett mit Rundum-Wohlfühlgarantie.

„Wie halten Sie das aus, wo drücken Sie das hin?“, spricht er mehr als einmal an diesem Abend die Verdrängungsmechanismen seiner Zuhörerschaft an, die ihm im Stillen beipflichtet. Ihm sei Kabarett als Therapie empfohlen worden. Freilich alles andere als ein Placebo, so lange auf der Bühne jemand wie Hagen Rether sitzt, der zum stimmigen Finale Michael Jacksons „Earth Song“ spielt.

Quelle: op-online.de

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