Ein Leben voller Ideen

Schirn würdigt Yoko Ono mit Retrospektive

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Himmels-TV: Yoko Onos „Sky TV Hokkaido“.

Frankfurt - Yoko Ono, die amerikanische Japanerin aus New York, ist schon Legende – aber eine quicklebendige. „Mit 80 Jahren fange ich ein neues Leben an“, erklärte sie nun vor der Eröffnung ihrer Retrospektive.  Von Reinhold Gries

Die Schau „Yoko Ono. Half-a-Wind Show. Eine Retrospektive” ist bis 12. Mai in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt zu sehen. Öffnungszeiten: Di, Fr - So 10 bis 19 Uhr, Mi, Do 10 bis 22 Uhr Der empfehlenswerte Katalog kostet 29,80 Euro.

Die „Half-a-Wind-Show“ in der Frankfurter Schirn ist die erste umfassende Darstellung ihres Lebenswerks in Europa. Die Fans sind ebenso elektrisiert wie die Medien. Das passt zur am 18. Februar 1933 in Tokyo geborenen Tochter aus gut situierter Musiker- und Bankerfamilie, die bis heute vieles in den Schatten stellte, was um sie herum passierte: Mit ihrem 1980 von einem Gemütsgestörten erschossenen Ehemann John Lennon wurde die an japanischen Klängen wie deutschem Liedgut geschulte Sopranistin und Komponistin zur Ikone der Popmusik – zum Leidwesen anderer Beatles.

Nicht nur durch „Bed-Ins“ mit Lennon wurde sie Protagonistin der Friedensbewegung: „War is over“ – „Give peace a chance“. Begleitet von Lennons „Imagine all the people living life in peace“ setzt sie sich bis heute für eine bessere Welt ein, rief in Reykjavik neben ihrem Lichtdenkmal „Imagine Peace Tower“ zu Lennons Geburtstag an alle: „I love you“. Gern würde sie per Film „alle Menschen dieser Erde auf einmal lachend“ zeigen. Dazu ist Ono seit 50 Jahren Impulsgeberin der Frauenbewegung und tourt nach zeitweiligem Rückzug nun wieder mit der Plastic Ono Band und avantgardistisch-poetischen Songs durch die Welt – Sohn Sean Lennon ist auch dabei.

Ono in der Schirn: Bilder von der Eröffnung der Ausstellung

Yoko Ono in der Schirn

Nach dem Eintritt durch den Perlenvorhang von Onos „En Trance“-Drehtür geht es in der Schirn-Schau vor allem um Onos „Standbein“, ihre neodadaistische Konzeptkunst und Body Art. Inspiriert von John Cages Experimentalmusik rief sie 1961/1962 in New York mit George Maciunas die (Anti-) Kunstbewegung „Fluxus“ ins Leben.

60 Jahre ihres Schaffens sind in der Schau ausgebreitet und ergänzt durch neue Installationen. Schwerpunkte setzen freilich viele Objekte, raumfüllende Installationen, Fotos, Flux-Filme, Zeichnungen und Textarbeiten - auch ein Musikraum – in den 60er/70er Jahren. „Instructions for Paintings“ und die „Cut-Piece“-Performance von 1964/65 hat Ono neu interpretiert, wie immer das Ideelle vors Materielle stellend. Das Partizipatorische ihrer Kunst zeigt sie an neuen „Moving Mountains“ aus schwarzen Stoffsäcken, in die man schlüpfen und mit denen man bewegte Skulpturen gestalten kann. Oft steht vor Installationen „Bitte berühren“, nicht aber vor ihrer Glasflaschen-Reihung „Water Events“ (1971/2013) zu berühmten Persönlichkeiten („You are water, I am water“) oder vor der mit Tauen in die Schirn-Rotunde gespannten Sonnenstrahl-Installation „Morning Beams“ über sich schlängelndem „Riverbed“ aus Kieselsteinen.

Mette Marit eröffnet Munch-Ausstellung in der Schirn

Kronprinzessin Mette-Marit in der Kunsthalle Schirn

Fotos zeigen, wie Ono sich bei Cut-Piece-Aktionen in New York und Tokio ihre Kleider mit Scheren vom Leib schneiden ließ, um Ausgeliefertsein zu visualisieren. Viele ihrer mit Licht und Schatten, Feuer, Wasser und Luft - oder vergehender Zeit - arbeitenden „Paintings“ sind verschollen, aber durch Maciunas Fotos dokumentiert. Dafür sieht man „Instructions for Paintings“ von 1961/62 in japanischer Schrift im Original, auch die Installation „Sky-Machine“ von 1966 mit Edelstahlspendern für handbeschriebene Papierkarten, mechanisierte Luftkapselspender oder das „Painting to hammer a nail in“. Die wie im Raum schwebende Küchengeräte-Installation „Balance Piece“ (1997) mit Pseudo-Magnet hat Ono auch überarbeitet.

Wie Fluxus-Ikonen wirken das „Grapefruit“-Künstlerbuch von 1964, „Morning-Piece“-Holzkästen mit beschrifteten Glasscherben, der „Mend Piece“-Tisch, die „Pointedness“-Kristallkugel, die „Apple“-Plastik von 1966 und mit Marmor- und Keramik-Körperteilen gefüllte „Touch me“-Kästen. Kultstatus hat die „Ceiling-Painting“-Leiter mit der Lupe am Ende, damit man an der Decke Onos winzig geschriebene Ode ans Leben lesen kann: „Yes“… Über diese Installation hatten sich Ono und Lennon 1966 kennengelernt.

„Sky TV Hokkaido" mit Direktübertragung des Himmels

Zu gewünschter Selbstreflexion regen auch der mit Gaze verhüllte „Wrapped Chair“ und der „Sky TV Hokkaido“-Monitor mit Direktübertragung des Himmels an. Arbeiten wie „Glass keys to open the skies“, „A Box of Smile“ oder durchhalbierte, geweißte Objekte in „Half-a-Room“ (1967) weisen auf Onos documenta-Auftritte hin, bei denen sie in ganz eigener Kunstsprache Balance in die Welt bringen wollte.

Man sieht und hört zuweilen schamanisch Heilendes auch in mit (und ohne) John Lennon realisierten Fluxfilmen wie „No. 5 (Smile)“, „Rape“, „Apotheosis“ und „War is over“ (1968/69), filmisch festgehaltener „Fly“-Performance oder dem Musikvideo „Walking on thin ice“ (1981) durch. Im Musikraum kann man dazu Onos Entwicklung von japanisch beeinflussten Klangexperimenten („Laute gegen Wände und den Himmel“) und Cage-Ideen bis hin zu Schrei-, Heul- oder Sirenen-Gesängen mit Pop-Elementen und Jazz-Modulationen am Saxofon verfolgen. Dazu ziehen aufgereihte Alben und LP-Covers zu Lennon und der Plastic Ono Band Musikfans und Sammler magisch an.

Quelle: op-online.de

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