New Yorker Dschungel

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Environment „Gegen das Zerstreuungsregime“

Ein fast nackter Straßencowboy mit Gitarre auf einer Drehbühne, breite Werbebanner, gleißende Reklameschriften, verstopfte Straßen voll Uniformierter und „Fire Fighters“ in Alarm, überwachte Apartments und Tiefgaragen. Von Reinhold Gries

Solch bedrängende New-York-Eindrücke springen den Betrachter in der Galerie 13 des Bundes Offenbacher Künstler (BOK) an, fotografiert, gesammelt und montiert vom Künstlerduo Jon Pahlow und Agnes Stockmann. Objekte, Installationen, Videos und Sounds sind Produkte einer Expedition in den Weltstadtdschungel, in dem der 11. September noch gegenwärtig ist. Beobachtet und festgehalten ist er vom Fahrrad aus, mit den Augen eines staunenden Kindes.

Dazu passt Bildhaftes aus normal wahnsinnigem Alltag auf den Spuren Franz Kafkas, dem gesellschaftliche Normalität so fremd vorkam. Seinen Gregor Samsa, käferhafte Verkörperung innermenschlicher Verwandlung, trifft man in filigran collagierter und beschriebener Flachware, nachdem man im Entree wie das Video-Schnitzel weichgeklopft und von der Subway akustisch plattgefahren worden ist.

Gegen das Zerstreuungsregime

Die mit sozialkritischen Wassern gewaschenen Rauminstallationen sind mehr als eine Geisterbahn. Befindlichkeiten globaler Gesellschaft finden schlüssige Bild- und Objektsprache. Wie das rotierende Environment „Gegen das Zerstreuungsregime“, beleuchtet von roter Glühbirne: Drei zerstörte Nordmende- und Loewe-Fernseher, „fachgerecht“ mit beigefügtem Holzschlägel zertrümmert und neu montiert, drehen sich mit aufstrebender Antenne und herabtropfendem Kabelsalat auf einer Bühne. „Das steht für die Medien, die unser Leben bestimmen oder uns am Leben hindern“, sagt Stockmann.

Mit Brachialgewalt geht ihr Messerheld des Filmplakats „underground“ zu Werk, gebannt auf vier Digitalbahnen mit unzähligen Druckpunkten. In finsterem Raum ist eine „hotline“ nach oben geschaltet: Eine vom Polster befreite, mit fluoreszierender Farbe bestrichene und mit schwarzem Tuch hinterlegte Gebetsbank wird von Schwarzlicht „angestrahlt“. Gegenüber haften zwei lebensgroße Kindermodelle leicht bekleidet an der Wand, Objekte fehlgeleiteter Begierde, denen in verfremdeter Herrgottsecke der spezielle „Draht nach oben“ keineswegs hilft.

Die „New Work – Objekt, Installation, Video, Sound von Agnes Stockmann und Jon Pahlow“, BOK-Galerie Salon 13, Kaiserstraße 13, Offenbach.

Geöffnet bis 6. Juni Mittwoch und Sonntag, 15 bis 18 Uhr, und nach Vereinbarung

Die Objektkünstler Pahlow und Stockmann finden auch weniger beißende Formulierungen, in hintergründiger Mischung aus Ironie und Poesie. 2000 Zuckerwürfel auf einer Doppelkugel erinnern ans NASA-Programm zur Findung des Zweitplaneten „Sugar-World“. In einer Ecke steht „ring the bell and take a wish“, mittels Sparbüchse bereit, Münzen aufzunehmen. Gegenüber prangt eine Schrift- und Objektmontage zu Walt Whit mans Gedichtsammlung „Grashalme“. Die Fotocollage „Lie to me“ spiegelt eine Pinnwand auf der 5th Avenue, auf der man sich richtig auslügen kann.

Bei der „eye to eye“-Galerie aus TV-Programmheften schauen sich Paare tief in die Augen und gehen sich an den Hals. Feueralarm findet in eleganten Amplituden eines dreiteiligen Geräuschvideos feinnervige Form. Im „speziellen Konzept für naturnahes Bauen in Mega-Citys der Zukunft“ geht es mit Neandertalfaktor haarig zu. Wie betäubt von so viel Wahrheit findet der Besucher nur allmählich zu Wachbewusstsein zurück; wie die Skulptur mit Glaskuppelkopf und superleitfähigem Kupferdraht.

Quelle: op-online.de

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