Stelldichein mit Kunst und Design beim Rundgang durch Offenbachs Hochschule für Gestaltung.

Zauberhafte Momente

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Straße zur Kunst: Ein Blick in die KOMM-Ausstellung

Hochsommerlich heiß und stickig präsentierte sich beim 13. Rundgang der Hochschule für Gestaltung (HfG) die im Offenbacher Hafengebiet gelegene Ölhalle. Aus den dort gezeigten bildhauerischen Arbeiten stachen Peter Pypecs Exponate hervor. Er hat Orientteppiche zerschnitten und die Einzelteile auf Holzplatten montiert, wo sich neue Ornamente ergaben. Der Teppich wurde so zum re-orientalisierten Wandobjekt.

Nicht nur durch Wiedererkennungswerte bestachen in der vierten Etage des „KOMM“-Einkaufszentrums die Malereien von Kosta Tsobanidis und Prae Pupityastaporn. Tsobanidis’ Arbeiten zeigten entvölkerte Stadtlandschaften – ein Schwimmbad, ein Büro. Wäre der Strich feiner gewählt, hätte man noch leichter Analogien zur Kunst Edward Hoppers herstellen können. Ein wenig an Caspar David Friedrich hingegen erinnerten die Gemälde Pupityastaporns – romantisch anmutende Landschaftsbilder mit Wald und Nebel. Julia Katharina Ziegler steuerte großformatige Fotos aus dem Stadtleben, Rosamaria Aquilar Zeichnungen sich räkelnder Nackter bei. Erotisch mochten diese anmuten, wenn da nicht auch Brüche eingearbeitet worden wären, ein seltsamer Fisch etwa oder der abgeschlagene Kopf des Geliebten. Währenddessen zog Pauline Heyne mit ihrer Performance „Narziss (Spiegelbild)“ einige Besucher an. Auf einer Art Bühne tanzte eine mit kleinen Pailletten-Spiegeln aufwändig beklebte Gestalt zu Popklängen.

Grafik empfing das Publikum in der Eingangshalle des Hochschul-Campus, darunter die romantische, ein wenig vom Jugendstil beeinflusste „Wurzelkinder“-Serie von Jessica Theiß, die meisterhaften Aquarelle von Henrik Petersen und die schwarz-weißen Zeichnungen Fabian Pospischils, in denen kirchliche Symbole und große Ratten wiederkehrende Motive bilden. Song-Nyeo Lyoo fügte zwei großformatige Brunnenbilder im kleinteiligen asiatischen Stil hinzu. Vergleichbar derb und makaber präsentierten sich im Stockwerk darüber Ellen Wagners Druckgrafiken, die geschlachtete Tiere zeigten oder von wilden Bestien angefallene Zirkusdompteure.

Momente der Verzauberung ermöglichten die in den Gängen des Hauptbaus eingerichteten Lichtinstallationen „Abakus“ von Merlin Flügel und „Ölmaschine“ von Loimi Brautmann, Yaschar Scheyda und Ivan Robles Mendoza. „Ölmaschine“ zeigte die Kombination einer sparsam illuminierten Sammlung realer Schrauben mit an die Wand geworfenen Schrauben-Fotografien. Verbunden mit elektronischen Musikklängen erhielt der ansonsten schlichte Treppenhausabgang eine magische Aura.

Das Treppenhaus des Westflügels war hingegen von diversen Arbeiten um das Thema „Weiß“ geprägt, unter anderem von einem sehr dekorativen floralen Gipsrelief Laura Baginskis. Nicolas Ritter präsentierte auf den rohen Betonwänden des Treppenhauses Fotografien seiner Reihe „Harlequin“, Männer und Frauen hat er für seine Porträts geschminkt und teils mit Tüll bekleidet.

Die Arbeiten der Produktgestalter zeigten eine Überfülle an Ideen. Barbara Ott entwickelte mit „Protex“ die Möglichkeit zur optimalen Anpassung eines Schutzhandschuhs an die Hand seines Trägers. Ina Riedel entwarf eine Säuglingshalterung für Röntgengeräte, Florian Kössler eine Apparatur zur Gewebeentnahme an der weiblichen Brust. Ying Wang aus Shanghai hatte sich mit der Genealogie geometrischer Grundformen beschäftigt. „Ich habe mit Papier Formen gebaut“, erklärte sie. „Dann habe ich das ganze in Kunststoff übertragen. Die daraus entstandene Struktur ist als Tisch oder Stuhl nutzbar, wenn man eine Platte darauf legt.“ Aus Elementen des Kinder-Papierspiels „Himmel und Hölle“ entwickelte Ying Wang zudem eine schmucke Lampe in Form eines Kopfkissens.

Jessica Sehrt schließlich war eine Apparatur zum Messen menschlicher Begehrlichkeiten gelungen. Sehrt ließ sich dabei vom Himalaya-Staat Bhutan inspirieren, bei dem Glück als Staatsziel gilt. Doch wie viele Begierden und deren Erfüllung Sehrt auf dem HfG-Rundgang registrieren konnte und wie glücklich dessen Besucher die Schau wieder verließen, wird wohl ihr Geheimnis bleiben.

CLAUS WOLFSCHLAG

Quelle: op-online.de

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