Zaubern, was das Zeug hält

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Schmieden eifrig Rachepläne: Der Zauberer Prospero (Adrian Eröd) und Luftgeist Ariel (Cyndia Sieden)

Gezaubert wird in Thomas Adès Oper „The Tempest“ auf allen Ebenen. Lieferte doch William Shakespeares „Der Sturm“ eine an Magie reiche Vorlage, die der Brite, klanglich ein Alchemist, weidlich zu nutzen verstand. Und mit Keith Warner zog ein Regisseur zauberhafte Register. Von Klaus Ackermann

Gesanglich schoss US-Sopranistin Cyndia Sieden den Vogel ab, als Luftgeist Ariel unglaubliche Höhen erklimmend, vom Museumsorchester und Dirigent Johannes Debus ideal abgesichert. Am Ende riss die poppig aufgemachte und gen „Fantasy“ gesteuerte Deutsche Erstaufführung das Publikum zu Beifallsstürmen hin, schon ein Höhepunkt im jungen Jahr 2010.

Es ist die britische Lockerheit, mit der Thomas Adès (Jahrgang 1971) den Dramen-Stoff angeht, die verblüfft. Da steht Selbstironie bis hin zu typisch schwarzem Humor vor kopflastigem Tiefgang in sperriger Atonalität, die schnell müde macht. Selbst ein reiner Dreiklang zieht nicht gleich die Neutöner-Todesstrafe nach sich. Und der elisabethanische Dichter hätte sicher auch seine Freude an jenen schlichten Reimen gehabt, in die Meredith Oakes das Schauspiel eingedampft hat, ohne an Substanz einzubüßen.

Zur Einleitung schlagen klangliche Wellen hoch, bläst ein Sturm, vom Luftgeist auf Geheiß jenes Prospero entfacht, der seine Feinde – sein Bruder Antonio und Verbündete, die ihn von Mailands Hof verjagt hatten – Schiffbruch erleiden lässt, der sie auf seine Zauberinsel schwemmt. Nicht nur für Regisseur Warner ist Prospero gleich Shakespeare. Folglich setzt er ihn in einen mit Büchern und Heften bestückten Würfel, der später in eine riesige Bibliothek eingebettet scheint. Dort tippt er sein Drama, immer wieder Blätter verwerfend, während ihm Kopfgeburten im Sturm gleichsam um die Ohren fliegen, samt Ariel wie im Kaleidoskop durchgeschüttelt. Der hat allerhand zu tun, muss er doch die Schiffsgesellschaft nicht nur vernichten, sondern auf Prosperos Geheiß auch wieder zusammenflicken, was viel magischen Auftrieb ergibt.

Dafür hat ihr Adès die schönsten und eigenwilligsten, seltsam klanglich changierenden Stellen mitgegeben, hier ebenso mit hochdramatischen, rhythmisch zupackenden Bläsereinschüben, mit schönen, auch bei eckigen Intervallen noch sangbaren Passagen aufwartend wie mit bewussten Rückgriffen, etwa ein Verschnitt aus englischer Nationalhymne und dem Largo von Händel. Und die alle überragende Cyndia Sieden versteht es, sogar in allmächtiger, schneidender Höhe ihre Koloraturen auf den emotionalen Kern zu bringen – aus herrlich ironischer Distanz. Ihr Sirenengesang lockt den Jüngling Ferdinand (Carsten Süß mit feinstimmigem Tenor), in den sich Prosperos Tochter Miranda (Sopranistin Claudia Mahnke mit reinem Dur und viel Gefühl) verguckt. Prosperos Erkenntnis, dass süßer als Rache nur die Tugend ist, schafft Frieden an der Front. Adrian Eröd bringt das stimmlich souverän rüber.

Zwei Blumenkinder haben das Happyend geschafft. Und der exotisch ausgestattete Ur-Insulaner Caliban, der auch noch eine Art Drachen auffahren lässt – Peter Marsh mit schneidendem Tenor –, sowie seine versoffenen Kumpane (Bassist Magnus Baldvinsson und der grelle Countertenor Christopher Robson) haben das Nachsehen. Ein dankbarer König Alonso (Richard Cox mit leidensfähigem Tenor), ein ehrlicher Ratsherr (Simon Bailey), der Alonso-Bruder Sebastian (Sungkon Kim) und der Prospero-Bruder Antonio (starker tenoraler Bösewicht) machen sich vom Inselacker. Wie der packend mahnende Chor (Michael Clark), der Prospero auch mal - offenbar unzufrieden - die Textzettel zurückgibt. Alle Fäden laufen bei Dirigent Johannes Debus zusammen, der für zwingende dramatische Linien sorgt, die am Ende wie abgeschnitten sind.

Noch am 15., 17., 23., 29. Januar.

Frankfurt hat wieder einmal ein Opern-Pfund, mit dem es sich wuchern lässt. Wem da immer noch bange ist, möge sich zehn Minuten vor Beginn einfinden. Gegenüber den orchestralen Einspiel-Kakophonien ist „The Tempest“ die reinste klangliche Wohltat.

Quelle: op-online.de

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