Kultur

Zeichen der Verunsicherung

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Seinen Blick für die weibliche Anatomie hat der Berliner Künstler an Aktstudien geschult: „Das rote Kleid“ (2008).

In lebensgroßen, farbig in Acryl gefassten Terrakotta-Statuen und Halbfiguren konfrontiert er den Betrachter im Offenbacher Rosenheim-Museum mit Körper- und Seelenwelten junger Frauen, irgendwo zwischen Nähe und Distanz, Offensive und Defensive.

Offenbach (Reinhold Gries) - „Unbeschreiblich weiblich“, dieses geflügelte Wort beunruhigt den Berliner Bildhauer Rainer Kurka (geboren 1974). Nicht nur bei den bronzenen Mann-Frau-Konstellationen „Begegnung“, „Herausforderung“ und „Kopfüber“ schwebt Spannung in der Luft. Sublime Erotik und unterschwelliger Geschlechterkampf sind gebändigt durch souveränen Umgang mit dem Material. „Die Aufstellung der Plastiken soll auch zwischen den Räumen für immer neue Blickverbindungen sorgen“, beschreibt Museumsleiter Marcus Frings sein Konzept, das voll aufgegangen ist.

Kurkas durch Aktzeichnen geschulte Erfahrung mit anatomischen Gegebenheiten ist durchaus sichtbar. Neben guter Proportion, geschwungenen Körperachsen und kunstvollen Drehungen faszinieren kunstvoll gelegte Haare, zuweilen im Stil farbig-antiker Plastiken. Bei genauerem Hinsehen jedoch zeigen Prototypen wie „Sixtynine“, „Toxic“ und „Das Geheimnis“ (2008) weniger Gelassenheit als vermutet. Hinter der Fassade ist Verspannung und Unsicherheit zu spüren.

Bei der in morbider Hautfarbe unter hauchzartem Unterrock an der Wand lehnenden „Großen Stehenden“ von 1,75 Meter Größe fragt sich: Zeigt sie verführerische Körperlichkeit oder weicht sie zurück, wird sie aktiv oder sinkt sie zu Boden? Auch die Körpersprache des Mädchens mit den ungesund grauen Sommersprossen (2008) ist nicht so eindeutig wie die rot-weißen Streifen auf ihrem knappen Bikini.

Rosige Hautfarbe sucht der Betrachter bei Kurka vergeblich. Nicht nur bei der Terrakotta-Asiatin mit schräggestellten Augen und Geisha-Kussmund spürt er: Es geht auch um Angst. Die Außen- und Innenschau lässt flüchtige Posen zeitlos wirken.

Noch klassischer sind Kurkas Kleinplastiken im quadratischen Stuckraum. Bei der erdverbundenen „Schwimmerin“ aus Bronze geht es ausgewogen zu wie bei Maillol, auch bei der paarig präsentierten „Kleinen Stehenden“ (2002). Weniger gelöst wirkt die Figurengruppe „Katzenschreck“ (2006): Eine Ballerina hebt ein Bein angespannt wie beim Stechschritt, während die gegenüber posierende Katze ihren Schwanz wie ein Messer in die Höhe reckt.

Kleinplastische Bronze-Paare im großen Saal steigen Stufen empor und gehen Wände hoch, stehen im Rechteckrahmen übereinander oder hängen kopfüber herab. Die einen steigen und fliegen; andere hocken, warten und belauern sich. Wie ließen sich Spannungen zwischen Mann und Frau besser beschreiben? Der virtuos bewältigte Parcours endet in einem harmonischen Beieinander grazil wirkender, hell glasierter Ballett-Terrakotten. REINHOLD GRIES

„Gegenwarten – Plastiken aus Ton und Bronze von Rainer Kurka“ im Rosenheim-Museum Offenbach, Parkstraße 60. Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag von 14 bis 18 Uhr.

Quelle: op-online.de

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