Zeitlos und dennoch mächtig gegenwärtig

Werke von Ernst Wilhelm Nay in der Schirn zu sehen.

Wie wenige steht der Maler Ernst Wilhelm Nay (1902- 1968) für die Revitalisierung moderner Kunst in Deutschland nach der NS-Diktatur. Wie andere litt der Berliner unter Kriegsdienst und Malverbot, malte heimlich weiter.

Nach der Stunde Null fand er (wie zuvor) in der Hofhei me rin Hanna Bekker vom Rath eine Fürsprecherin, die den Einzelgänger förderte und ihm bis 1951 ein Atelier einrichtete. Angeregt durch Robert Delaunay, die École de Paris und den abstrakten Expressionismus aus den USA, wurde Nay mit gegenstandslosen „Scheibenbildern“ bekannt, die sich in leuchtenden Farben von eckigen, kantigen Formen lösten.

Mit dem Umzug nach Köln begann Nays Aufstieg zum gefeierten documenta- und Biennale-Künstler. Sein Thema kristallisierte sich heraus: Die vom Gegenstand befreite Farbe rhythmisch zu ordnen und Bildflächen mit Farben zu orchestrieren. Nays „Augenbilder“ (ab 1963) gipfelten in vier mal vier Meter großen Gemälden auf der Kasseler documenta III (1964): „Blau-Rot-Gelb“, „Weiß-Schwarz-Grau“ und „Rot-Grün“. Leiter Arnold Bode hängte die dynamischen Farbereignisse nicht einfach an die Wand, sondern schräg an eine acht Meter hohe Decke. Die überwältigende Raum-Farb-Wirkung dieser „absoluten Malerei“ sorgte für Begeisterung, jedoch auch für scharfe, heute unverständliche Kritik.

Diese hat sich gelegt, die drei Vorzeigetafeln schmücken normalerweise das Bundeskanzleramt. Nun sind sie erstmals, in gleicher Hängung wie 1964, in der Frankfurter Schirn zu sehen. Dem Environment nimmt man dessen Alter kaum ab. Formensprache und Farbwirkung wirken frisch und unverbraucht.

Die Kunsthalle am Römer hat weitere Überraschungen parat, getreu Nays Motto – „zeitlos, aber gegenwärtig“ zu schaffen. Aus Filzstiftzeichnungen von 1964 bis 1968 sind 84 ausgewählt, die noch nie gemeinsam zu sehen waren. In schier unendlichem Zeichenfluss quellen grafische Partituren vor Ideen über, die in der Art von Bauhauskonzepten längst zum Grundrepertoire von Gestaltungslehrern geworden sind. Wie Paul Klee hat Nay eine elementare Grammatik abstrakter Kunst geschrieben – ohne sich zu wiederholen.

Skizzen und Aquarelle führen zum zentralen Raum. In den großformatigen „Elementaren Bildern“ (1965-1968) gewinnen die vegetabilen und anthropomorphen Figuren, Spindeln, Ketten, ovalen Scheiben, Bänder und Bogenmuster kontrastreich farbiges Leben. Zu glasklaren bis kühnen Klängen von Primär- und Komplementärfarben gefügt („Violett-Grün-Gelb“, „Doppel-Spindel-Blau“, „Flamboyant“, 1967), wirken Muster und Ornamente vor Weißgrund wie ausgeschnitten, die Doppelspindeln so elegant wie Scherenschnitte eines Henri Matisse.

Andere Formationen erinnern an Figur-Grund-Spiele Pablo Picassos. Der Bogensaal scheint für Nays spektakuläre Figurinen in „Dynamisch-elementar“ gemacht, hat er sich doch mit Helix- und Doppelhelix- sowie anderen biologischen und physikalischen Strukturen befasst. Nicht nur in „Blaufiguration“ spiegelt sich die Auseinandersetzung mit Musik von Bach und Schönberg. Kompositionen wie „Grün II“, „Meta blau“, „Segmente“ oder „Gelb-Weiß-Rot“ (1966/67) dürften nicht nur Musikliebhaber, sondern auch Graffiti-Sprayer inspirieren. Oft wirkt Nays Spätwerk wie ein Vorläufer heutiger Kunsttendenzen, die gesamte Ausstellung wie ein echtes „Coming out“ eines in seiner Bedeutung für die Moderne unterschätzten Malers. REINHOLD GRIES

„Ernst Wilhelm Nay – Bilder der 1960er Jahre“, Schirn Frankfurt, bis 26. April Dienstag, Freitag bis Sonntag 10 bis 19, Mittwoch/Donnerstag 10 bis 22 Uhr

Quelle: op-online.de

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