Zeugnisse der Veränderungen

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Kollektive Konzentration in der Stadionaufnahme von Jens Rötzsch.

Rüsselsheim - Die Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig war die wichtigste Ausbildungsstätte für künstlerisch ambitionierte Fotografie in der DDR. Von Anke Steinfadt

Sie prägte in den 80er Jahren eine Generation, die den klassischen Bildjournalismus durch eigene Handschriften ergänzte. Im Fokus der Leipziger Fotografie stehen die kritische Auseinandersetzung mit der Gesellschaft und der Blick auf die Menschen. Die aktuelle Ausstellung in den Rüsselsheimer Opelvillen „Mit Abstand ganz nah“ gibt mit 140 Werken von 25 Künstlern, die alle an der Hochschule für Grafik und Buchkunst ein Studium absolviert haben, einen Überblick zur Leipziger Fotografie seit den späten 70er Jahren bis in die unmittelbare Gegenwart.

Verstörend und intensiv

Im Erdgeschoss werden überwiegend Fotoserien aus der Zeit vor dem Mauerfall präsentiert: Ostdeutsche Interieurs (Christian Borchert), Jugendliche im Einheitsparka (Werner Mahler) oder Hobbyfußballer auf einem holprigen Bolzplatz (Thomas Kläber) sind atmosphärisch ins Bild gesetzt. Wohl komponiert hat Jens Rötzsch eine Stadionsituation, die die kollektive Konzentration der Menschen einfängt. Besondere Intensität besitzen die Fotografien von Gundula Schulze Eldowy. Verstörend wirkt das Porträt eines entkleideten Mannes mit ausgemergeltem Körper vor einem Regal mit Alkoholika.

„Mit Abstand ganz nah – Fotografie aus Leipzig“ bis 16. Mai in den Opelvillen Rüsselsheim, Ludwig-Dörfler-Allee 9. Öffnungszeiten: Mittwoch 10 bis 21 Uhr, Donnerstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr.

Während bei den in den 70er/ 80er Jahren entstandenen Arbeiten Schwarz-Weiß dominiert, zeigen sich die neueren überwiegend in Farbe. Beinahe lebensgroß ist die „Komparsen Frau 23“ von Erasmus Schröter. Die Frau im farbenfrohen Kleid wirkt vor einer düsteren Wand eines leer stehenden Industriegebäudes reichlich deplatziert. Jugendliche, die an Tankstellen herumlungern porträtiert Tobias Zielony. Seine Aufnahmen sind so intensiv, als hätte er sich in die Porträtierten hineinversetzt. Diese Mischung aus intimer Nähe und beobachtender Distanz ist ein stilistisches Merkmal, das die Fotografien aus Leipzig eint. Der Ausstellungstitel könnte nicht besser gewählt sein.

Quelle: op-online.de

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