Zwei gegen den Rest der Welt

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Angst vor dem Absturz: Nico Holonics als kleiner Angestellter Pinneberg

Frankfurt - Der erste Gedanke: Ein typischer Thalheimer. Die Stilmittel sind wohlvertraut. Von Stefan Michalzik

Am Anfang wächst eine Reihe von Figuren im Hintergrund aus dem Boden heraus, am oberen Rand einer steil zum verkleinerten Bühnenportal hin abfallenden Schräge, die den von Olaf Altmann entworfenen Raum bestimmt. Die sich bloß schemenhaft im Halbdunkel abzeichnenden Figuren bilden einen eindringlich flüsternden Chor. An der Rampe steht alsbald die junge, in ihrer Rolle mädchenhaft wirkende Schauspielerin Henrike Johanna Jörissen. Sie blickt ins Publikum und lächelt beredt, unter einer Spannung der Stille.

„Neue Sachlichkeit“: So lautet die Formel der literaturgeschichtlichen Einordnung von Hans Falladas in den Jahren 1931/32 unter dem Eindruck der Folgen der Weltwirtschaftskrise und des Zerfalls der Weimarer Republik verfassten Romans ,,Kleiner Mann – was nun?“, den Michael Thalheimer mit der Dramaturgin Sibylle Baschung für das Frankfurter Schauspiel bearbeitet hat.

Eine Sachlichkeit ist auch der Bühnenästhetik Thalheimers eigen. Mit einem kühl-analytischen Blick erzählt er die Geschichte. Nehle Balkhausens Kostüme greifen den Stil der Entstehungszeit auf. Die Aktualität des Stoffes in Krisenzeiten ist offenkundig, es braucht da keine inszenatorischen Ausrufezeichen. Der Fokus ist auf das zentrale Paar ausgerichtet, der ständig präsente Chor mit seinen teils in mehreren Rollen in Erscheinung tretenden Solisten repräsentiert die Außenwelt, die Gesellschaft.

Es geht auch um eine Liebesgeschichte. Die des kleinen Angestellten Johannes Pinneberg und seiner Frau Emma, genannt das Lämmchen, sie haben einen neugeborenen Sohn, den sie Murkel nennen. Es ist die Angst vor dem sozialen Absturz aus ohnedies prekären Verhältnissen, die das Paar umtreibt. ,,Nur nicht arbeitslos werden!“, lautet Pinnebergs Refrain.

Seine Position als Buchhalter verliert er, als sein Chef (belfernd: Thomas Huber), der ihn gern als Schwiegersohn gesehen hätte, von seiner Ehe erfährt. Pinnebergs zwielichtig-versoffene Mutter (Stephanie Eidt) holt die Familie aus der Provinz nach Berlin, ihr so windiger wie gefühlsseliger Liebhaber Jachmann (Michael Benthin) besorgt eine Stelle als Verkäufer in einem Warenhaus. Vom Druck der Erfolgsquote getrieben bedrängt Pinneberg einen berühmten Schauspieler zum Kauf – und verliert erneut seine Stellung.

Die Figuren des Umfelds treten in markanten Auftritten hervor. Es wird viel berlinert, nicht aber im Sinne eines hauptmannschen Naturalismus, die wohlabgewogen überzeichnende Darstellung überschreitet vielmehr die Grenze zur Karikatur. Das wirkt sehr theaterhaft. Nur vereinzelt lösen sich die Figuren aus ihrer Chorlinie heraus, mit einer choreografischen Perfektion. Die atmosphärische, Morricone zitierende Musik Bert Wredes bewegt sich bisweilen am Rande der Hörbarkeit.

Zwei stehen füreinander ein, gegen den Rest der Welt. Die Geschlechterrollen geben es vor, dass es Pinneberg ist, der sich im beruflichen Überlebenskampf zu schlagen hat, obwohl die Frau die lebensklügere von beiden ist. Nico Holonics als Pinneberg zeigt einen Mann, den der Anpassungszwang immer wieder in Zustände einer virtuos verkörperlichten Zerrissenheit treibt.

Den Hoffnungsschimmer des Romanendes – der Text ist klug eingedampft, die Erzählerstimme wird teilweise mitgesprochen – verweigert Thalheimer. Er zieht die Geschichte nicht willkürlich in unsere Zeit der prekären Arbeitsverhältnisse, vielmehr lässt er die Distanz bestehen. Man ahnt, dass seine monolithische Bühnenästhetik sich einmal erschöpfen könnte. Für dieses Mal aber ist die Sache aufgegangen

  • Nächste Aufführungen am 17., 20. und 25. Januar. Karten gibt es unter Tel.:  069 21249494.

Quelle: op-online.de

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