Zwischen Bar und Bett

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Alles auf Anfang: Pierre ( Volker Brandt) und Juliette ( Alexandra Kamp) spielen ihre erste Begegnung nach – mit anderem Ausgang. Foto:

Frankfurt - Am Anfang ist der Seitensprung. Oder jedenfalls eine Begegnung an der Bar, die eine Fortsetzung im Bett verspricht. Wenn sich der Vorhang hebt, ist es kurz davor. Von Markus Terharn

Er, Pierre, trotz ergrauter Lockenpracht und Bauch von seiner Wirkung auf Frauen überzeugt, hat sie, Juliette, mit ausladender Oberweite, Wespentaille und endlosen Beinen ihres Erfolgs bei Männern sicher, auf einen Absacker zu sich gebeten. Weiß man ja, wohin das führt.

Nicht jedoch hier: In „Achterbahn“, Zwei-Personen-Stück des Franzosen Eric Assous, kommt es anders. Am Frankfurter Fritz-Rémond-Theater macht Regisseur René Heinersdorff daraus einen Abend mit überraschenden Wendungen, hübschen Merksätzen („Besser betrügen und verwöhnen als treu sein und vernachlässigen“) und einer Prise Erotik. So passend wie prominent besetzt sind die Rollen mit Volker Brandt und Alexandra Kamp.

Wer ist diese Frau eigentlich?

Die müssen zwei Stunden lang vor allem reden. Kein Wunder, hört Pierre sich doch am liebsten selbst sprechen; wohl wissend, dass er in seinem Alter etwas tun muss, wenn er eine Frau rumkriegen will, die eine Generation jünger ist als er und deutlich weniger getrunken hat. Da darf die eigene Position in der Firma und deren Stellung auf dem Weltmarkt schon mal überhöht werden. Ebenso mag man verschweigen, dass es einen Sohn und eine Gattin gibt...

Doch die sind am Meer, und die antik möblierte Pariser Stadtwohnung (Bühne: Pit Fischer) ist sturmfrei. Aber statt zur Sache zu schreiten, stellt die schöne Unbekannte plötzlich Fragen. Will wissen, wer die Menschen auf den Fotos am Kamin sind. Welcher Art seine Beziehung ist. Und was ihm einfällt, fremd zu gehen. Die Stimmung ist hin.

Dafür kommt Spannung auf: Wer ist diese Frau eigentlich? Gewiss keine Zufallsbekanntschaft, wie der Überrumpelte bald ahnt. Seine Versuche, ihren Beruf zu erraten („Sie arbeiten im Zoo“), sorgen für Lacher, führen aber nicht ans Ziel. Wenn die Dame sich bloß entscheiden könnte! Bis zur Pause behauptet sie drei verschiedene Identitäten.

Keine Achterbahnfahrt der Gefühle

Stoff zum Rätseln also. Und auf die durchzechte Nacht folgt ein verkaterter Morgen, an dem das Verwirrspiel weitergeht. Dessen Auflösung verblüfft und berührt. Indes sei nicht verhehlt, dass mindestens eine Premierenbesucherin bereits bei der Lektüre des Programmheftes den richtigen Riecher bewiesen hat.

„Achterbahn“ ist im Spielplan bis 16. Oktober.

Brandt spielt seinen Part mit sehr viel Charme und Nonchalance. Den Schwerenöter glaubt man ihm ebenso wie den Gewissensgeplagten. Kamp gibt die attraktive Verführerin mit Talent zur Pose und zum Rollentausch bei stark maskenhafter Mimik. Ihre Textmasse bewältigen beide modulationsreich. Die Inszenierung stimmt ihre Interaktion gut ab und legt Wert auf Zwischentöne. Das Ergebnis ist keine Achterbahnfahrt der Gefühle, doch das titelgebende Requisit – eine Art Spieluhr – gelangt am Schluss zu symbolischer Bedeutung.

Quelle: op-online.de

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