Zwischen Genie und Scheusal

Die Stimmung kommt der nahe, die bei einem Comedian herrscht. T. C. Boyle ist ein glänzender Unterhalter. Viel wird gelacht beim Auftritt des US-Autors in der ausverkauften Frankfurter Jugendkirche St. Peter. Der 60-jährige, mit seinem gerade in deutscher Übersetzung erschienenen Roman „Die Frauen“ unterwegs, beherrscht die Technik der Bühne so virtuos wie jene des Schreibens.

Es geht um Frank Lloyd Wright (1867-1959), den prägenden amerikanischen Architekten der frühen Moderne, genialer Visionär mit dem Ruf eines Scheusals, ständig am Rand des Bankrotts. Taliesin, das Anwesen mit Studio und Farm, das er sich in der Einöde Wisconsins errichtete, brannte zweimal und war Ziel eines Anschlags mit sieben Toten. Er knechtete seine Mitarbeiter, die für den Zeichentisch angestellt waren, aber auch in Küche und Schweinestall hinlangen musten Lohnzahlungen blieben aus, Rechnungen offen.

Drei Ehefrauen und eine Lebensgefährtin hatte Frank Lloyd Wright, jedes Auftauchen einer neuen machte öffentlichen Furor. In der Einführung zum ersten Teil, aus der Boyle las, stellt er seinen Ich-Erzähler vor. Der 25-jährige japanische Architekturstudent Tadashi kommt 1923 nach Taliesin. Boyle spricht von drei erzählerischen Instanzen, durch die der Text gegangen ist: Er, Tadashi und die Frauen. Resultat ist ein detailgenauer Blick auf Lloyd Wright und das puritanische Amerika seiner Zeit. Der Großmeister multiperspektivischen Erzählens dringt in Fühlen und Persönlichkeit der Frauen vor. Zentralfigur aber ist der Architekt.

Zu Recht wurde kritisiert, dass Boyle es über der Schilderung des Egomanen versäumt, auf dessen architektonische Vision einzugehen. Erstaunlich, da er seit 13 Jahren in einem Präriehaus von Lloyd Wright lebt und die Beschäftigung damit den Anstoß zum Buch gab.

Obama als Stoff für einen Roman? Kategorisch ausschließend beantwortete Boyle eine der von Lesern einer Tageszeitung per E-Mail eingereichten Fragen, die Journalist Martin Scholz übermittelte. Ein ungeheurer Erwartungsdruck laste auf dem armen Mann. Im übrigen halte er Politiker als literarisches Motiv für langweilig. Sein Interesse gelte historischen Figuren, die mit ihrem Schaffen nachhaltigen Einfluss auf unser Leben nehmen. Wie Lloyd Wright, wie John Harvey Kellog, Gesundheitsapostel und Erfinder der Cornflakes in „Willkommen in Wellville“ (1993) oder Sexualforscher Alfred Kinsey in „Dr. Sex“ von 2005. Egomanen und Exzentriker. Er selbst, so Boyle, sei von gegenteiliger Natur und liebe es, in Ruhe und Frieden arbeiten zu können. Den großen Auftritt scheut er aber nicht. So dürfte er etwas von sich in Lloyd Wright & Co. finden. STEFAN MICHALZIK

Quelle: op-online.de

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