Zwischen Passion und Genuss

Italienische Lebenslust inspirierte Maler wie Dirck van Baburen („Lockere Gesellschaft“, 1623, Landesmuseum Mainz) im sittenstrengen Holland.

Michelangelo Merisi (1571-1610), nach seinem Dorf bei Bergamo „Caravaggio“ genannt, veränderte die Malerei seiner Zeit wie kein anderer. Er brach mit blutleeren Traditionen, ähnlich wie sein Vorbild, der „große“ Michelangelo Buonarotti.

Modelle für seine Halbfigur-Bilder holte er von der Straße, versah sie mit stilllebenartigem Beiwerk und malte sie in ungewohnter Direktheit. Sein an Michelangelo geschultes Körperverständnis mit den dramatischen Verkürzungen modulierte er in starken Gegensätzen von Hell und Dunkel. Bilder wie die „Dornenkrönung Christi“ setzten kompositorisch neue Maßstäbe: In packender Nahsicht ragen Christus, zwei Folterknechte und ein Soldat vor dem Betrachter auf. Die grelle „Ausleuchtung“ der Schändung, aus der Finsternis geschält und präzise bis zu den Blutstropfen auf der Stirn, kam einer Sensation gleich.

So sehr der streitbare Erfinder barocker Hell-Dunkel-Kunst angegriffen wurde, so sehr beeindruckte er Maler in ganz Europa. Eine Gruppe von Kollegen aus der Stadt Utrecht machte sich eigens auf den Weg nach Rom, um die spektakuläre Bildsprache mit eigenen Augen zu sehen. Das Frankfurter Städel stellt die „Utrechter Caravaggisten“ erstmals breit vor und setzt sie neben Originalwerke und Nachahmungen des Vorbilds.

Die „Dornenkrönung“ Dirck van Baburens (um 1595-1624) ist ohne die Caravaggios nicht denkbar, ebensowenig die „Junge Frau, die Laute stimmend“ Hendrick Terbrugghens (1588-1629) ohne die eleganten Lautenspieler-Variationen Caravaggios. Pralles Leben zeigen niederländische Gegenstücke wie die verführerische „Violinspielerin“ Gerard van Honthorsts (1592-1656) mit ihren kräftigen Gelb-, Rot- und Blautönen sowie entblößter Schulter und Brust. Aus dem Vollen gegriffen ist Terbrugghens sonnengegerbter „Singender Lautenspieler“. Selbst der manierierte Abraham Bloemaert (1566-1651) ist von der eleganten Linienführung und bunten Farbigkeit angesteckt. Mit seinem Ölgemälde „Querflötenspieler“ (1621) taucht er – mit spotartiger Lichtführung – ins Hirtenmilieu ein. Cornelis Bloemaerts Kupferstiche „Sackpfeifenspieler“ und „Rommelpotspieler“ wirken durch die Landsknechtstrachten besonders volksnah.

Honthorsts „Geiger mit dem Weinglas“ und „Singender Zinkspieler“ scheinen den Betrachter zur Teilnahme an ihrem Lebensgenuss aufzufordern. Van Baburens Porträts „Singender junger Mann“ und „Musikant mit Laute“ leben vom pittoresk-theatralischen Zug. Bei Terbrugghens „Singendem Knaben“, in den Vortrag seines Lieds vertieft, wird das Momenthafte solcher Studien ebenso deutlich wie in seinem Porträt einer drallen jungen Frau. Virtuosenstücke wie Honthorsts „Mädchen mit Liebhaber“, „Junger Trinker“ und „Junge Kurtisane, ein obszönes Bild in ihrer Hand haltend“ sind alles andere als lustfeindlich.

REINHOLD GRIES

„Caravaggio in Holland“ bis 26. Juli im Städel-Museum Frankfurt. Geöffnet Dienstag sowie Freitag bis Sonntag von 10 bis 18, Mittwoch und Donnerstag bis 21 Uhr.

Quelle: op-online.de

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