„Die Frau, die gegen Türen rannte“

Birgit Schön berührt im Offenbacher t-raum

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Birgit Schön in der Rolle der Paula

Offenbach - Paula hat vier Kinder, ist Witwe und Alkoholikerin. „Hab ich das mal erzählt?“ Ja, hat sie, immer wieder. „Die Frau, die gegen Türen rannte“ legt eine Lebensbeichte ab. Von Markus Terharn

Dem Stück von Roddy Doyle ist im Offenbacher t-raum ein toller Premierenerfolg beschieden.

Es ist ein furioses Solo, das Schauspielerin Birgit Schön auf die Bretter des Zimmertheaters legt. Sie schont weder sich noch die maximal 36 Zuschauer. Denn der irische Romanstoff, von Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese in deutschsprachige Bühnenform gebracht und an seinem Haus mit Bettina Hoppe ganz kurz und knapp inszeniert, hat’s in sich.

Zwischen Suff und Gewalt

Sucht ist ein Thema – eheliche Gewalt ein anderes. Das enthüllt sich allerdings erst Zug um Zug. Geschickt hält der Text die Spannung; beiläufig rückt Paula, eine Frau aus der Unterschicht, mit Stationen einer heillos verkorksten Vita in einem Dubliner Arbeiterviertel heraus.

Dabei durchmisst Schön das breite Spektrum menschlicher Gefühle. Sie ist sehr sinnlich, wenn sie sich erinnert, wie sie ihren Mann kennengelernt hat: „Mir wurde schwummerig, als ich Charlo das erste Mal sah!“ Zärtlich, wenn sie ihre Sprösslinge beschreibt, vor allem Jack, ihren fünfjährigen Liebling. Erschreckend maßlos, wenn sie Szenen ihres Suffs schildert, die Riten von Wegschließen und Schlüsselsuchen, Disziplin am Tag und Zusammenbruch am Abend: „Gluckgluckgluck!“ Und hart, wenn sie von brutalsten Misshandlungen durch ihren Gatten berichtet: „Zäng!“

Blick auf den Grund der Seele

Weitere Vorstellungen:

2. und 9. März, 17. und 25. Mai sowie 1. Juni

Schön, von Regisseurin Sarah C. Baumann klug und einfühlsam geführt, spielt den Rausch und den Kater, die erlittenen Prügel und die Ansätze zur Gegenwehr, ohne jede Rücksicht auf Verluste. Das Innerste ihrer Figur kehrt sie nach außen, lässt auf den Grund ihrer Seele blicken, übertreibt aber nie. Oft ist es kaum zu ertragen.

Technisch arbeitet die Aufführung mit schlichten Mitteln: Ein Sitzball am Boden, einige an Fäden baumelnde Bälle reichen als Requisiten, um sämtliche Emotionen der Gequälten zu unterstreichen. Angesungene Pop-Schnulzen tun das Ihre dazu.

Meisterin im Sich-Belügen

Eine Meisterin im Sich-Belügen ist Paula: „Ich könnte aufhören, wenn ich wollte, jederzeit.“ Na klar. Aber sie gewinnt an Erkenntnis. Hat sie sich anfangs als Schulversagerin gebrandmarkt, ist sie sich am Ende nicht mehr sicher, ob sie wirklich dumm ist. Das glaubt das Publikum da längst nicht mehr...

Quelle: op-online.de

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