Lehren aus der Katastrophe?

Kommentar: Bescheidenheit weist den Weg

Die Katastrophe in Japan sei eine „Zäsur für die Welt“, heißt es. Und was war dann Tschernobyl vor exakt 25 Jahren? Wir haben in alten Bänden geblättert. Von Frank Pröse

Dort finden sich erstaunlich viele Parallelen zur aktuellen atomaren Berichterstattung, vom erbittert geführten Glaubenskrieg bis hin zu Randnotizen von Hamsterkäufen bei Jod-Tabletten, vor denen auch heute wieder aus gutem Grund gewarnt wird. Insgesamt festigt der Besuch im Archiv die Meinung, dass diese Gesellschaft in Fragen der Energiepolitik binnen eines Vierteljahrhunderts nicht wesentlich vorangekommen ist. Schon vor 25 Jahren forderte unser Kommentator einen Kompass für einen wirtschaftlich vertretbaren, mittelfristig realisierbaren energiepolitischen Weg, der frei von gesundheitlichen Risiken sein müsse.

Eben diese Diskussion führen wir auch heute. Inzwischen gibt es mit den Erneuerbaren Energien eine ernsthafte Alternative zur Kernkraft, die spätestens in diesen Tagen ihre Unschuld verloren hat. Und doch tut sich diese Industrienation aus Angst vor Wettbewerbsnachteilen schwer damit, radikal umzusteuern. Dies hieße ja nicht, alle 17 Meiler in einem Schritt vom Netz zu nehmen.

Ein Ausbau der Öko-Energien im Tempo der letzten Jahre würde es aber ermöglichen, pro Jahr rechnerisch anderthalb Meiler abzuschalten. In der Folge wäre Deutschland im Jahr 2020 atomarer Restrisiken befreit. Das ist ein lohnendes Ziel, wo doch gerade in diesen Tagen eindrücklich vor Augen geführt wird, dass nur der völlige Verzicht auf Atomkraft absolut Schutz gewähren kann.

„Nichts wird, wie es war“. Hieß es.

Ob die konsequente Abkehr von der bisherigen Atompolitik sehr viel teurer wird, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. Denn die Nach-Atom-Ära wird noch Unsummen verschlingen, die ehrlicherweise in die Vergleichrechnung einfließen müssten. Aber selbst wenn wie bisher keine saubere Rechnung aufgemacht würde und dem Energiekunden allein wegen des Kernkraft-Ausstiegs höhere Kosten drohten, wer wollte den Preis für die Energiewende nicht zahlen angesichts der Horrormeldungen aus Japan?

Doch Vorsicht. In Krisenzeiten ist der menschliche Reflex zur Veränderung ausgeprägt. Alles wird zumindest auf den Prüfstand gestellt. Die Regierung kann sich diesem Sog nicht entziehen. In letzter Konsequenz müsste Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der angesichts der gigantischen Katastrophe zu fühlenden allgemeinen Bescheidenheit der Menschen die Chance ergreifen, um Verzicht einzufordern; Verzicht auf immer mehr Luxus, immer mehr Bequemlichkeiten, immer mehr Energie. Einen Versuch wäre es wert, selbst wenn die Erfahrungen beispielsweise nach den Anschlägen auf die Twin-Towers in New York oder nach der Finanzkrise ernüchternd sind. „Nichts wird so, wie es einmal war“, hieß es jeweils. Aber die Menschheit kehrte auch jeweils zu ihren alten Gewohnheiten zurück.

Das sind keine ermutigenden Aussichten. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Jetzt nur durchhalten, den Alleingang wagen. Wer um seinen Wohlstand fürchtet, der sollte sich die Bilder der Millionen von bedauernswerten Habenichtsen in Japan vor Augen führen, für die Kernkraft jetzt entbehrlich ist. Wenn das nicht hilft...

Quelle: op-online.de

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