Nur Angst vor den Extremisten

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Amira, Nayer, Ephraim, Asser und Nada ( von links) wollen die Zukunft Ägyptens mitgestalten.

Wenn alles gut verläuft werden Nada, Amira, Ephraim, Asser und Nayer noch ihren Enkelkindern von jenem Dienstag erzählen, an dem sich ihr Land grundlegend zu verändern, ja mehr noch: die Gesellschaft sich zu emanzipieren begann. Zu Besuch in der Region. Von Fabian El Cheikh

Zeit ihres Lebens kannten die fünf Jugendlichen aus Kairo und Port Said nur einen unantastbaren Herrscher am Nil. 30 Jahre lang führte Husni Mubarak das Regiment mit harter Hand – eine ganze Generation. Das ist Geschichte.

Ein halbes Jahr, nachdem der Volksaufstand am 25. Januar seinen Anfang nahm und kurz darauf der Präsident seinen Hut, sitzen Nada, Amira und die drei Jungs in der Gaststätte des Frankfurter Ruderer-Clubs und berichten von den Umwälzungen in ihrer Heimat. Die fünf sind Christen – Kopten – und wurden zusammen mit acht weiteren Jugendlichen vom evangelischen Dekanat Dreieich zu einer Jugendbegegnung eingeladen.

Dass sie ihre Reise im Sommer würden antreten können, hatten sie sich vor ein paar Monaten noch nicht vorstellen können. Ephraim, mit 22 Jahren der älteste Teilnehmer, erinnert sich an eine „Zeit der Spannungen“, ausgelöst durch das Schicksal Khaled Saids, eines ägyptischen Bloggers, der im Juni vergangenen Jahres in Alexandria von der Polizei auf offener Straße totgeschlagen wurde.

„Unter dem Motto ,Wir sind alle Khaled Said’ wuchs die Protestbewegung immer weiter an“, erinnert sich Ephraim. Zunächst handelte es sich um eine Revolte internetaffiner Jugendlicher, die aber schnell von allen Schichten der Bevölkerung getragen wurde, von Frauen und Männern, Muslimen und Nicht-Muslimen, Gläubigen und Säkularen, Fabrikarbeitern und Beamten. „Als die Regierung nicht reagierte, forderten sie erst ihren Rücktritt, dann den Sturz des gesamten Systems Mubarak.“

Die Millionen Menschen auf dem weltbekannt gewordenen Tahrir-Platz inmitten Kairos kennt Ephraim selbst nur aus dem Fernsehen, auch die grausamen Bilder jenes Tages, als bewaffnete Kamelreiter mit Macheten für ein blutiges Chaos sorgten und Polizeitransporter mit Vollgas in die Menschenmassen rasten. „Ich war damals auf einer Reise in der Golf-Region und sehr besorgt um meine Familie und Freunde.“

„Wir müssen die Korruption bekämpfen und wir brauchen Jobs!“

Zu gefährlich waren die Proteste für den 16-jährigen Asser und den 17-jährigen Nayer: „Wir sind daheim geblieben und haben unsere Wohnviertel beschützt, nachdem die Regierung tausende Häftlinge auf freien Fuß gesetzt hatte, um für Angst zu sorgen.“ Für Nada ist alles sehr unerwartet geschehen: „Kaum einer hatte sich vorher je getraut, sich so offen und klar gegen die Mächtigen zu stellen.“

Jetzt hofft die 16-jährige Schülerin auf ein „neues, besseres Ägypten“. Sie und die anderen Jugendlichen sind die Zukunft des Landes und wollen sie mitgestalten. Doch was muss sich verändern? „Wir müssen die Korruption bekämpfen und wir brauchen Jobs!“ Wie das bislang funktionierte, erklärt Ephraim, der angehende Biomedizin-Ingenieur: „Du musst Kontakte haben wenn du dich für einen Job bewirbst, und dann musst du sehr viel Geld bezahlen.“ Asser, selbst noch Schüler, ist skeptisch: „Veränderungen brauchen Zeit. Wir müssen erstmal für mehr Bildung sorgen. Demokratie braucht Bildung. Die Menschen müssen lernen, in einer Demokratie zu leben.“ Doch was bedeutet Demokratie für die jungen Ägypter? „Dass die Wahlen nicht mehr manipuliert werden“ – „Dass sich die Regierung dem Volk gegenüber verantworten muss“ – „Und dass wir unsere Meinung sagen dürfen!“

Bereits verbessert habe sich der Umgang mit den einst so gefürchteten Sicherheitskräften: „Während der Proteste hatte die Polizei den Auftrag, gegen die Demonstranten vorzugehen, dafür hassen sich viele Polizisten jetzt“, meint Nayer. Und das Volk hasse die Polizei: „Früher mussten wir uns fügen, die Polizei war übermächtig, aber wir kennen unsere Rechte und lassen uns jetzt nicht mehr tyrannisieren!“

Viel wird vom Ausgang der Wahlen abhängen

Als sich der Todestag von Khaled Said kürzlich jährte, zogen rund tausend Demonstranten vors Innenministerium, riefen Slogans gegen Folter und Polizeigewalt und sprühten das Konterfei Saids auf die Mauer des Ministeriums – vor den Augen der Polizei. „Das wäre früher undenkbar gewesen.“

Ägypten steckt inmitten eines schwierigen Umbruchs. Viel wird vom Ausgang der Wahlen abhängen. „Wir vertrauen der Militärführung“, betont Nayer. Diese treffe keine Entscheidungen im Alleingang. Angst haben er und seine koptischen Freunde nur vor einem: dem Einfluss der Islamisten. „Als Christ wirst du in Ägypten einfach anders behandelt“, beklagt Nayer, „sogar in unseren Ausweisen ist die Religion vermerkt.“

Vor den Muslimbrüdern fürchten sich die Jugendlichen zwar nicht. Die seien in der Vergangenheit nur stark gewesen, weil sie die einzige Alternative zum verhassten System waren. Jetzt gebe es viele Parteien und den Islamisten fehle das Feindbild. „Natürlich werden die Muslimbrüder ins Parlament kommen. Angst aber müssen wir vor den extremistischen Salafisten haben“, ist Nayer überzeugt. Zu Mubaraks Zeiten habe man keinen von ihnen gesehen, jetzt seien sie in jeder Straße unterwegs.

„Die Ägypter wollen nationale Einheit, doch die Salafisten schüren die Gewalt zwischen den Konfessionen“, betont Ephraim. „Sie wollen allen einen radikalen Islam überstülpen.“ Doch das wollten auch die meisten Muslime im Land nicht. „So oder so, wir werden das Verhalten der neuen Politiker genau im Auge behalten. Ägypten braucht eine starke Führung, aber eine, die den Interessen des Volkes dient.“

Quelle: op-online.de

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