„Verrat“ durch Wikileaks

Kommentar: Blick durchs Schlüsselloch

Vom Verräter frisst kein Rabe, lautet ein deutsches Sprichwort. Der Volksmund liegt wohl falsch. Das suggerieren jedenfalls die Aufgeregtheiten um den durch Wikileaks ermöglichten Blick durchs Schlüsselloch der US-Diplomatie. Von Frank Pröse

Der Blick hat bisher mehr Banales denn zugkräftige Argumente gegen undemokratische Geheimniskrämerei zutage gefördert. Wenn die Grünen die Veröffentlichung als Ausweitung von investigativem Journalismus begrüßen, dann ist das starker Tobak, setzen sie damit doch gemeinen Datenklau mit einer sorgfältigen und umfassenden Recherche gleich.

Die Grünen sollten vielmehr selbst investigativ tätig werden und das auch mit anonymen Quellen hantierende selbst ernannte Enthüllungsportal mal genau unter die Lupe nehmen. Wikileaks beschreibt seine Arbeit selbst als journalistisch. Darüber kann man trefflich streiten, da das Portal auch anonyme Quellen zitiert und sich vorbehält, Details aus Originaldokumenten zu entfernen. Erhellend ist das Material auch deshalb nicht, weil die Zusammenhänge fehlen. Welche Interessen verfolgte der jeweilige Autor? Hatten die Depeschen politische Folgen? Antworten darauf gibt es nicht. Aufklärung? Fehlanzeige!

Wer das Material geprüft hat, und wo die „Wikileaks-Journalisten“ ihr Handwerk gelernt haben, ist unklar. Unbeantwortet ist auch die Frage nach der Organisation der Plattform sowie deren Finanzierung. Wikileaks scheint auf Spenden angewiesen zu sein. Woher aber die Summen kommen, die nötig sind, um die aufwendigen Recherchen zur Überprüfung der zahlreichen Unterlagen und Dokumente zu finanzieren, ist nicht bekannt. Dabei wäre ein Hinweis auf die Geldgeber und ihre Intention höchst interessant. Und genau deshalb ist es Aufgabe der Presse, Licht in dieses Dunkel zu bringen. Letztlich könnten Enthüllungen über die Interessenlage von Wikileaks selbst spannender sein, als Einschätzungen der US-Diplomatie, die in vielen der bisher veröffentlichten Fälle - vor allem deutsche Politiker betreffend - erstaunlich realitätsnah und amüsant ausfallen. Politiker sind eben auch nur Menschen. Wer hätte das gedacht?

Interessanter als die an Klatsch und Tratsch erinnernden Politikerbeurteilungen durch Diplomaten ist es, dass aus laufenden Koalitionsverhandlungen in Deutschland in vorauseilendem Gehorsam an die US-Regierung berichtet wurde, dass US-Diplomaten in die Spionage bei den Vereinten Nationen involviert waren oder dass weite Teile der arabischen Welt äußerst kritisch auf das Atomprogramm Irans schauen. Das birgt doch noch politischen Sprengstoff, sensationell ist es nicht.

Letztlich aber geht es beim naiven Umgang mit Informationen weniger um einen Gau auf diplomatischem Parkett als um die Erkenntnis, dass besonders im Weißen Haus anscheinend jeder Zugriff auf sensible Daten hat. Das müsste uns allen den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Der Redakteurs-Kollege aus Hamm bringt es auf den Punkt: Datensicherheit ist in der Gesellschaft des Jahres 2010 allenfalls ein Relikt aus medialer Vorzeit. Heute aber kann jeder jedem die Hose runterziehen. Und jeder zusehen. Geil, oder?

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare