Blitzschnell in den Job

Arbeitsagentur will Flüchtlinge schon kurz nach Ankunft rekrutieren

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Frankfurt - Angesichts der sinkenden Zahl an Menschen im erwerbsfähigen Alter in Hessen setzt sich die Agentur für Arbeit dafür ein, das wachsende Reservoir an Flüchtlingen schneller für den Arbeitsmarkt zu erschließen. Von Michael Eschenauer 

Noch in diesem Jahr wird man mit dem flächendeckenden Aufbau von Beratungsstellen in den Erstaufnahmeeinrichtungen beginnen. „Ohne Zuwanderung kann Deutschland seinen Wohlstand nicht sichern“, stellte gestern Raimund Becker, Mitglied des Vorstands der Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg, fest. Der Leiter der Regionaldirektion der BA-Hessen, Frank Martin, sprach von „einer großen Chance, die die Flüchtlinge für den hessischen Arbeitsmarkt darstellen“. Aber: „Das wird nicht alleine passieren.“ Notwendig sei eine intensive Betreuung und Beratung, die schon kurz nach der Ankunft der Flüchtlinge beginnen müsse. Man strebe an, in möglichst vielen Landkreisen und möglichst bald in Zusammenarbeit mit der Politik, den Job-Centern und den Aufnahmeeinrichtungen derartige Stellen einzurichten. Dort könnten dann Ausbildung, Fähigkeiten, Sprachkenntnisse, Qualifikationen und natürlich auch die Wahrscheinlichkeit eines dauerhaften Bleiberechts ermittelt werden. „Wir dürfen nicht darauf warten, dass diese Menschen in ein oder zwei Jahren ihre Anerkennung als Asylberechtigte erhalten“, forderte Martin. Die Vorbereitung auf den deutschen Arbeitsmarkt müsse sofort einsetzen.

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Die Asylbewerber und wir

Schon in diesem Jahr wolle man mehrere hundert frisch angekommene Flüchtlinge einem „Profiling“ und einer Jobberatung unterziehen. Positive Beispiele gebe es bereits im Landkreis Gießen, im Lahn-Dill-Kreis und im Kreis Marburg-Biedenkopf. Die Asylbewerber seien im Schnitt 26 Jahre alt, zwei Drittel seien Männer. Sie seien ausbildungsfähig und motiviert. Trotz häufiger Sprachbarrieren und dem Fehlen einer Ausbildung biete dieses Reservoir viel Potenzial für den Arbeitsmarkt. Allerdings, so Martin, wirke sich diese Tatsache bisher so gut wie nicht auf die Beschäftigungsentwicklung aus. An der Steigerung der Beschäftigung in Hessen um etwas mehr als 50.000 Berufstätige von 2013 auf 2014 seien die Haupt-Asylländer mit gerade 3000 Menschen beteiligt. Hier bestehe Handlungsbedarf. Seit 2009 sei die Zahl der Asylbewerber pro Jahr in Hessen von 1900 im Jahre 2009 auf über 11.000 im ersten Halbjahr 2015 gestiegen. Ihre Unterbringung sei ein wichtiges Problem, aber der zweite Schritt sei eine Verbesserung ihrer Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

In Hessen wird nach Martins Angaben bis 2030 die Zahl der Erwerbsfähigen von vier Millionen um 14 Prozent auf 3,44 Millionen zurückgehen. Im Bund sind es minus 18 Prozent. Das Rhein-Main-Gebiet werde bis etwa 2040 wachsende Erwerbstätigenzahlen verzeichnen, dann kippe auch hier der Trend. BA-Vorstand Becker stellte gestern Zahlen vor, nach denen der Pool der berufsfähigen Personen in Deutschland derzeit bei 46 Millionen Menschen liegt. Betrage der Saldo aus Zuzügen und Wegzügen 400.000 Menschen, sinke die Zahl der Erwerbsfähigen bis 2030 auf etwa 44 Millionen und bis 2050 auf 42,5 Millionen Menschen. Liege die Zuwanderung bei nur 200.000 Menschen, sinken die Zahlen auf 42,5 Millionen (2030) und 37 Millionen in 2050. Derzeit schafft Deutschland den 400.000er Saldo. „Aber halten Sie das mal über 20 bis 30 Jahre durch“, mahnte Becker. In den vergangenen 20 Jahren lag der Saldo lediglich zwischen 100.000 und 120.000 Menschen. Die Zuwanderung von Flüchtlingen sei langfristig die Hauptquelle, aus der sich die Zahl derer speise, „die Steuern zahlen und die sozialen Sicherungssysteme aufrechterhalten“, so Beckers Fazit.

Der Schlüssel liegt nach seiner Einschätzung in einem „Spurwechsel“. Gerade bei höher qualifizierten Menschen, die aus Ländern mit einer günstigen Quote bei der Anerkennung als Asylbewerber kämen, müssten die Werbung für die „Blue Card“ intensiviert und bürokratische Hürden gesenkt werden. Es sei widersinnig, wenn zum Beispiel ein syrischer Arzt den „Asylpfad“ einschlage, der zum Teil mit beträchtlichen Wartezeiten verbunden sei, anstatt die Möglichkeit zu nutzen, als Arbeitssuchender aufzutreten, die an bestimmte Ausbildungsstandards geknüpfte „Blue Card“-Reglung zu nutzen und baldmöglichst im Krankenhaus zu arbeiten. Von den eineinhalb Millionen Zuwanderern pro Jahr kämen nur zehn Prozent als offiziell Arbeitssuchende. Dies spiegele keinesfalls die Realität wider.

Folgen muss nach Beckers Einschätzung „perspektivisch“ ein zweiter Schritt. Denn auch für die zum Teil gut qualifizierten Menschen aus Ländern, für die die Freizügigkeitsregelungen der EU nicht gelten würden, sei eine Alternative, ein „zweiter Zugangsweg“, neben dem Asylantrag erforderlich. Dieser Schritt könne aber nur in drei bis fünf Jahren getan werden. „So eine Regelung würde uns derzeit noch überfordern“, so Becker.

Quelle: op-online.de

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