Kommentar: Auf dem Boden bleiben

Sigmar Gabriels kleiner Anfall von Galgenhumor angesichts der neuesten Wendung in der unendlichen Geschichte von NSA-Lauschattacken auf deutsche Ziele hat nach der hochdrehenden Empörungsmaschinerie der letzten Monate etwas Erfrischendes.

Ja sicher, enge Partner ausspionieren, das geht gar nicht! Da darf man sich schon ärgern, und man muss auch protestieren – aber man sollte dabei auf dem Boden der Realität bleiben.

Spionage, das ist nun mal so, liefert auf krummen Pfaden Informationen, die die Auftraggeber interessieren – und deren Neugierde ist keineswegs auf Gegner oder Feinde beschränkt. Die USA wollen ganz genau wissen, wie die Kanzlerin über Putin denkt. Die Briten möchten herausfinden, wie man in Berlin einen „Brexit“ fände. Angela Merkel hätte gern Klarheit darüber, wo Tsipras blufft und wo nicht. Und der türkische Präsident Erdogan will herausfinden, ob die Türen zur EU überhaupt je offen waren. Verständlich! Dass zwischen Hinterzimmer-Sprech und offiziellen Statements nicht selten Welten liegen, ist eine Binsenweisheit. Dass dieses Zwischenreich Spione anzieht wie Motten das Licht, auch. Freunde hin oder her. Wer das bedauert, mag sich damit trösten, dass die Gefahr von Wirtschaftsspionage erkannt ist. Und dass die ganze Debatte jenseits des Atlantiks schon einiges in Bewegung gebracht hat. USA und NSA aus verschmähter Freundestreue aber für bedrohlicher zu halten als die Hauptadressaten ihres eiskalten Tuns – den Islamisten-Terror, Russland oder Nordkorea etwa – wäre dumm und gefährlich.

leserbriefe@op-online.de

Quelle: op-online.de

Kommentare