Westerwelle in Bedrängnis

Wer braucht Wendehälse?

Das war zu erwarten: FDP-Chef Guido Westerwelle gerät nach dem Wahldebakel seiner Partei vom vergangenen Wochenende schwer in Bedrängnis. Erstmals verlangt mit Jorgo Chatzimarkakis ein Vorstandsmitglied der Liberalen offen den Rückzug des Parteivorsitzenden. Der Appell an Generalsekretär Christian Lindner, die Parteiführung zu übernehmen, erinnert allerdings an den Versuch, den Teufel mit dem Beelzebub austreiben zu wollen. Denn Lindner gerät wegen seines radikalen Atomschwenks zunehmend in die Kritik. Von Frank Pröse

Bis Sonntag waren die Wirtschaftsliberalen strikte Verfechter der Kernenergie. Nun läuten sie die Wende ein: Denn Lindner will nun die acht Meiler, die unter das Moratorium fallen, für immer abschalten. Ein „nicht durchdachter Schnellschuss“ schimpft der FDP-Bundestagsabgeordnete Patrick Meinhardt, der „von diesem abenteuerlichen, existenzgefährdenden Zickzackkurs die Nase voll“ hat. Da irrt der Hinterbänkler. Lindner treibt das Kalkül, bei der Aufkündigung der Atomabsprachen nicht von der Partei der Kanzlerin links überholt zu werden.

Ginge es nach Lindner, könnte sich die Regierung die jüngst erst in der Koalition vereinbarte Überprüfung der Meiler jetzt sparen. Zumindest die FDP will die Ergebnisse einer technischen Untersuchungskommission sowie eines Ethik-Rates zur Atomenergie offensichtlich gar nicht mehr abwarten. Grün ist seit Sonntag angesagt, also geben die Blau-Gelben ihre Farben zum Mischen frei. Mit diesem Salto rückwärts opfert die FDP den letzten Rest an Identität. Bei derartigen Turnübungen bricht schon mal das Rückgrat.

Die Wendigkeit liberaler Politiker ist legendär und schon fast Programm. Doch das, was die vom Wähler abgewatschte FDP jetzt vollführt, erinnert an den spektakulären Steuer-Umfaller Helmut Kohls, der Deutschlands führende Boulevardzeitung dazu veranlasste, den damaligen Kanzler auf der Titelseite querzulegen. Die Schlagzeile läutete das Ende der Ära Kohl ein und kostete „Bild“-Chefredakteur Hans-Hermann Tiedje den Kopf. Diesmal könnte es neben dem Vorsitzenden Westerwelle auch für den Generalksekretär und bisherigen Hoffnungsträger der Liberalen böse ausgehen. Das hat freilich auch etwas Gutes: Dann ist die Erneuerung leichter.

@ frank.proese@op-online.de

Quelle: op-online.de

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