Die Gewalt eskaliert -  Kampfjets über Tripolis

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Muammar al-Gaddafi soll auf der Flucht nach Venezuela sein.

Kairo - Libyen steht am Abgrund. Über der Hauptstadt Tripolis donnerten am Montagabend nach Augenzeugenberichten Kampfflieger hinweg. Staatschef Gaddafi soll auf der Flucht sein.

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Scharfschützen bezogen auf Dächern Stellung, offenbar um Regierungsgegner von außerhalb davon abzuhalten, sich den immer massiveren Protesten gegen Staatschef Muammar al Gaddafi anzuschließen, wie ein in London ansässiger Aktivist, Mohammed Abdul Malek, unter Berufung auf Bewohner berichtete. Das Staatsfernsehen berichtete, das Militär habe “die Verstecke der Saboteure“ gestürmt.

Blutige Proteste in Libyen

Blutige Proteste in Libyen

Die Kommunikationsverbindungen in die Stadt war unterbrochen, und auch Handyanrufe nach Libyen waren vom Ausland aus unmöglich. Das Parlament stand in Flammen. Das Regime drohte seinen Gegnern, die inzwischen offenbar die zweitgrößte Stadt Bengasi kontrollieren, mit einem “Kampf bis zum letzten Mann“. Nach einem Bericht des arabischen Fernsehsenders Al Dschasira griff am Montagabend das Militär einen riesigen Demonstrationszug in der Hauptstadt Tripolis mit Flugzeugen an. Auch scharfe Munition werde eingesetzt, meldete der Sender unter Berufung auf Informanten.

Eine Augenzeugin berichtete über Satellitentelefon von einem Massaker unter den Demonstranten in Tripolis. Die libyschen Behörden haben dem Sender zufolge alle Festnetz- und Funktelefonverbindungen im Land unterbrochen. Wegen der zugespitzten Situation ziehen derweil deutsche Unternehmen ihre Mitarbeiter aus dem nordafrikanischen Land ab. Die Firmen bemühten sich am Montag, schnellstmöglich Flüge für ihre ausländischen Angestellten zu bekommen. Das Auswärtige Amt hatte am Sonntagabend eine Reisewarnung ausgesprochen. Am Mittag startete in Tripolis eine Lufthansa-Maschine Richtung Deutschland, wie Außenstaatsminister Werner Hoyer mitteilte. Angesichts der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung in Libyen sei derzeit die vorrangige Sorge, Landsleute zurückzuholen, sagte Hoyer am Rande eines EU-Außenministertreffens in Brüssel.

Spekulationen über Gaddafi-Flucht nach Venezuela

Unterdessen sorgten Spekulationen über eine mögliche Flucht Gaddafis für Aufregung. Er habe keine Informationen darüber, dass sich Gaddafi auf den Weg nach Venezuela gemacht habe, sagte der britische Außenminister William Hague. “Aber ich habe einige Informationen gesehen, die darauf hindeuten, dass er auf dem Weg dorthin ist.“ Konkretere Angaben machte er nicht. Die venezolanische Regierung wies die Spekulationen zurück.

Bengasi in der Hand der Protestbewegung

Die zweitgrößte Stadt Libyens, die Hafenstadt Bengasi, scheint inzwischen in der Hand der Protestbewegung zu sein. Die Demonstranten setzten Regierungsgebäude und Polizeireviere in Brand und brachten das Sicherheitshauptquartier der Stadt, die Katiba, unter ihre Kontrolle. Auf dem Gerichtsgebäude der Stadt wurde Augenzeugen zufolge die Fahne der alten Monarchie gehisst. Teile der Sicherheitskräfte sollen sich der Protestbewegung angeschlossen haben. Anwohner befürchten eine weitere Eskalation der Gewalt, nachdem sich Regierungsgegner und -anhänger bewaffnet haben.

Augenzeugen berichten von geplünderten Waffengeschäften und Arsenalen der Polizei. Angesichts der blutigen Unruhen wandte sich einer von Gaddafis Söhnen, Seif al-Islam, in der Nacht zum Montag erstmals an die Öffentlichkeit: In einer 40-minütigen, teilweise unzusammenhängenden Ansprache im Staatsfernsehen versprach er “historische“ Reformen, drohte aber zugleich damit, sein Vater werde “bis zum letzten Mann“ kämpfen. Gaddafis Sohn bestätigte, dass die Demonstranten einige Militärstützpunkte, Panzer und Waffen unter ihre Kontrolle gebracht hätten. Die Streitkräfte stünden aber weiter hinter seinem Vater, der sich im Land aufhalte.

Schwere Auseinandersetzungen in Tripolis

Ferner räumte Gaddafi ein, dass die Streitkräfte während der Proteste gegen die Regierung Fehler gemacht hätten. Grund sei, dass die Soldaten nicht für den Umgang mit Demonstranten ausgebildet seien. Die jüngsten Angaben über mehr als 200 Tote bezeichnete er jedoch als übertrieben und gab die Zahl der Opfer mit 84 an. Während Gaddafi im Fernsehen an das Volk appellierte, kam es zu den weiteren Auseinandersetzungen in der Hauptstadt Tripolis.

Al Dschasira sprach unter Berufung auf Augenzeugen von mindestens 61 Toten. Über Opfer bei der Demonstration am Montagabend lagen zunächst keine Informationen vor. Derweil wurden auch erste Risse innerhalb der libyschen Führung deutlich. Justizminister Mustafa Abdel Dschalil sei zurückgetreten, um gegen die “exzessive Anwendung von Gewalt gegen unbewaffnete Demonstranten zu protestieren“, meldete Kurejna.

UN-Botschafter fordern Gaddafis Rücktritt

Vertreter Libyens bei den Vereinten Nationen forderten Gaddafi zum Rücktritt auf. Der stellvertretende UN-Botschafter Ibrahim Dabbaschi erklärte am Montag, “das libysche Volk werde sich Gaddafis entledigen“, sollte er sein Amt nicht niederlegen. Außerdem drängte Dabbaschi die internationale Gemeinschaft, eine Flugsperre über Libyen zu verhängen, um zu verhindern, dass Gaddafi und seine Sicherheitskräfte aus dem Ausland mit Söldnern, Waffen und Vorräten versorgt werden können. Nach Angaben Dabbaschis hat die libysche Delegation auch den Internationalen Strafgerichtshof dazu aufgefordert, möglichen Menschenrechtsverletzungen gegen das libysche Volk im Zuge der jüngsten Proteste nachzugehen.

dapd

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