Wulff will bleiben

Kommentar: Wie man Kredit verspielt

Den Aufenthalt in Frankfurt hat er routiniert absolviert - den kurzen Gang über den Weihnachtsmarkt, den Besuch im Römer als Festredner zum 100-jährigen Bestehen des Deutschen Fechter-Bundes. Von Ulrich Kaiser

Ebenso später die Visite in Wittenberg zur Aufzeichnung eines Weihnachtskonzerts. Fragen zu seinem Privatkredit wimmelt Wulff zunächst ab - nicht der richtige Ort. Und in der Sache sei alles gesagt.

Doch neben eher kryptischen Positionsbestimmungen zu seinem Umgang mit der Affäre macht der Bundespräsident dann unmissverständlich klar, dass er nicht an Rücktritt denkt. Und versucht es zugleich mit Transparenz. Über seine Anwälte lässt er eine Liste mit Urlaubsreisen veröffentlichen, die ihn einst in Häuser von Freunden aus der Geschäftswelt führten.

Allmählich dürfte Wulff dämmern, dass er sich nicht hinter seinem hohen Amt verschanzen kann - und auf Dauer wohl auch nicht hinter juristischem Beistand. Denn die Affäre hat sich mit den Einlassungen via Anwaltskanzlei keineswegs erledigt, stattdessen geradezu verselbständigt, seit immer neue Puzzleteilchen bekannt wurden, die sich zu einem unglücklichen Gesamtbild fügen. Scheint es doch ein kleines Sittengemälde der Politik zu ergeben, das eher Aufklärungsbedarf nährt als Zweifel zu zerstreuen.

Autorität wird nachhaltig Schaden nehmen

Jenseits aller Bewertung, die Staatsrechtler zu munteren Gefechten einlädt, wird allerdings deutlich: Viel zu spät hat Wulff reagiert - und damit zugelassen, dass seine Autorität nachhaltig Schaden nehmen konnte. Der Kredit an Glaubwürdigkeit, gemeinhin jedem Bundespräsidenten auf Vorschuss gewährt, wurde im langen Zaudern und Schweigen ein Stück weit verspielt. Nun wirkt Wulff wie ein Getriebener und ohne jene Souveränität, die seiner Rolle auch als wegweisende Instanz zukommt.

Er mag geschwächt zurückbleiben, sein Amt indes wird es ihn kaum kosten. Schließlich war Niedersachsens Ministerpräsident der Kandidat der Kanzlerin, als nach Köhlers plötzlichem Abgang der Ruf nach einem Berufspolitiker laut wurde. Und auf Merkel, mit Problemfällen wie dem siechen Koalitionspartner genug ausgelastet, würde es direkt zurückfallen, wenn schon wieder ein neuer Hausherr für Schloss Bellevue zu suchen wäre. So wird die Union zusammenrücken und sich hinter Wulff scharen: Das ist seine politische Lebensversicherung.

Quelle: op-online.de

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