USA

Corona-Krise in den USA:  Donald Trump hat einen neuen Sündenbock

Nach China und Barack Obama ist laut der Regierung von Donald Trump nun eine Abteilung des US-Gesundheitsministeriums schuld am Versagen in der Corona-Krise.

  • Corona-Krise* in den USA: Debatte um Zahl der Todesfälle
  • Donald Trump*: Task-Force des Weißen Hauses übt Druck auf Behörde aus
  • Trump-Regierung macht US-Behörde für Corona-Pandemie verantwortlich

Update vom 18. Mai 2020, 11:00 Uhr: Der Konflikt zwischen dem „Center for Disease Control and Prevention“ (CDC) und der Regierung von Donald Trump spitzt sich zu. Nachdem die Trump-Administration zunächst die Volksrepublik China und die Vorgängerregierung unter Barack Obama zu Schuldigen für die Corona-Krise in den USA erklärt hatte, richten sich die Angriff nun gegen das CDC selbst.

Corona-Krise in den USA: Donald Trump lässt die eigene Behörde kritisieren

Donald Trumps wirtschaftlicher Berater Peter Navarro sagte gegenüber Medienvertretern, das CDC habe das „Land bei den Corona-Tests im Stich gelassen“. Sie hätten die Ausweitung der Test mit „ihrer Bürokratie“ verhindert, sich geweigert, mit Firmen aus der freien Wirtschaft zu kooperieren und außerdem „nur schlechte Tests entwickelt. Das hat uns alles zurückgeworfen“, so Navarro in einer Sendung des US-amerikanischen Nachrichtensenders NBC.

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Die Angriffe der Trump-Administration kommen genau zu der Zeit, in der die unzureichenden Testkapazitäten als ein Hindernis bei der schnellen Wiedereröffnung des Landes kritisiert werden. Trump hatte die Möglichkeiten der USA, Corona-Tests im großen Stil durchzuführen zunächst übertrieben, dann die Bedeutung von Tests heruntergespielt. Gleichzeitig ist Trump Fürsprecher eines raschen Endes der Corona-Beschränkungen.

Covid-19-Todesfälle in USA: Donald Trump lässt sich die Zahlen zurechtbiegen

Erstmeldung vom 14.05.2020

Washington – Die Corona-Krise ist ein balkengroßer Dorn im Auge von Donald Trump. Der wirtschaftliche Aufschwung ist dahin, Trumps stärkstes Erfolgsargument. Seine Wahlkampfveranstaltungen müssen aufgrund der Kontaktbeschränkungen ebenfalls ausfallen. Und angesichts immer steigender Todeszahlen kann Trump die öffentliche Debatte nicht bestimmen. Da nutzen auch nächtliche Tweets um 5 Uhr morgens mit „OBAMAGATE“ als Inhalt nichts.

Corona-Krise in den USA: Streit um Zahl der Todesfälle

Aufgrund dieser Begebenheiten bemüht sich die Trump-Administration nun offenbar darum, die Zahlen zu den Covid-19-Erkrankten in den USA herunterzuspielen. Laut eines Berichts des US-Nachrichtenportals „Daily Beast“ hat das Weiße Haus und Mitglieder der dort angesiedelten Corona-Taskforce Druck auf das „Center for Disease Control and Prevention“ (CDC) ausgeübt, die Zahlen zu den Todesfällen im Zusammenhang mit Covid-19 herunterzurechnen.

Das „CDC“ ist eine Behörde, die im US-Gesundheitsministerium angesiedelt ist. Sie ist verantwortlich für die Erhebung der Zahlen zur Corona-Krise und auch für die angewandte Methodik. Genau die scheint nun von der Trump-Administration und Teilen der Taskforce in Frage gestellt zu werden. Laut der „Daily Beast“, die sich auf fünf anonyme Quellen aus dem Weißen Haus bezieht, ist das Ziel klar:

Donald Trump mit klarer Logik: Weniger Covid-19-Tote sind besser für die Wirtschaft

Die Zahl der Todesfälle, die von den einzelnen Bundesstaaten an die Regierung in Washington gemeldet werden, soll geringer dargestellt werden als bislang. Das Ziel dieser Strategie liegt auf der Hand: Weniger Tote würden die Lage weniger dramatisch wirken lassen und die von Donald Trump gewünschte Wiedereröffnung des Landes zugunsten der wirtschaftlichen Erholung stützen.

Dr. Deborah Brix, Impfstoff-Expertin und Mitglied der Corona-Taskforce, soll Verantwortliche des CDC gedrängt haben, zahlreiche mit Sars-CoV-2 in Verbindung stehende Todesfälle aus der Statistik wieder herauszunehmen. So ist es der Wunsch der Taskforce, dass die Menschen, bei denen der Virus nicht zweifelsfrei von einem Labor nachgewiesen wurde, aus der Statistik herausgenommen werden – auch wenn Symptome, Krankheitsverlauf und Todesursache eindeutig auf eine Covid-19-Erkrankung hinweisen. Dasselbe soll nach dem Wunsch der Trump-Taskforce für Menschen gelten, die positiv auf das Coronavirus getestet wurden, aber nicht nachweislich an Covid-19 gestorben sind.

Corona-Krise in den USA: Zuwenige Tests auf Sars-CoV-2

Nun mag der viel zitierte gesunde Menschenverstand bei Donald Trumps Plan eine Logik erkennen, die nicht von der Hand zu weisen ist: Leute, bei denen das Coronavirus nicht nachgewiesen wurde, sind daran wohl kaum gestorben.

Doch so einfach ist es meistens nicht. „Ich habe überhaupt keine Sorge, dass wir von zu hohen Zahlen ausgehen“, sagte Bob Anderson, Leiter der CDC-Abteilung für Sterblichkeitsraten. „Wir sind absolut sicher, dass wir die Zahlen unterschätzen.“ Das liegt vor allem an zwei Faktoren:

Covid-19-Todesfälle in den USA: Zahl liegt wohl deutlich höher als angenommen

Erstens sind die Testkapazitäten in den USA bei weitem nicht so hoch, wie sie sein sollten. Selbst wenn Donald Trump vor kurzem noch damit angegeben hat, die USA seien „weltweit führend“, was die Testkapazitäten angeht. Fünf Millionen am Tag seien gar kein Problem, 20 Millionen bald erreicht. Doch Vier-Sterne-Admiral Brett Giroir, verantwortlich für die nationale Strategie bei den Corona-Tests, sieht das ganz anders: „Es gibt auf der ganzen Welt – oder irgendeinem anderen Planet - keinen Weg, wie wir bald auf fünf Millionen Tests am Tag kommen sollen.“ Dazu kommt, dass die Schnelltests, die Trump noch vor kurzem als Durchbruch gefeiert hatte, nun im Verdacht stehen, zur Hälfte falsche Ergebnisse zu produzieren.

Zweitens gibt es laut der Meinung aller führenden Experten keinen Grund, die Zahl der Corona-Toten nach unten zu rechnen. Selbst wenn der eine oder andere Todesfall fälschlicherweise auf eine Covid-19-Erkrankung zurückgeführt wurde: Die absolute Zahl ist definitiv geringer als bislang angenommen. Gestritten wird über diesen Punkt unter Experten eigentlich nur darüber, wie weit die offiziellen Zahlen unter den tatsächlichen liegen.

Corona-Krise in den USA: Anthony Fauci geht von noch mehr Covid-19-Opfern aus

Bei seiner Anhörung vor dem US-Senat wurde Dr. Anthony Fauci, Top-Virologe und Trump-Berater in der Corona-Krise, auf dieses Thema angesprochen. Ob er auch, wie die meisten anderen Experten, der Meinung sei, die Zahl der tatsächlichen Todesfälle liege womöglich 50 Prozent höher als die bislang angenommenen über 80.000 Todesopfer im Land. Fauci wurde deutlich. Er wisse nicht, ob es sich um 50 Prozent handele, aber: „Es ist absolut sicher, dass die Zahl der Todesfälle höher liegt als angegeben.“ 

Das liegt laut Fauci vor allem an zwei Faktoren: Erstens sei die Corona-Pandemie in den USA als solche zu Beginn nicht wahrgenommen worden, viele Tote also gar nicht erfasst. Zweitens wüte das Virus vor allem in urbanen Gegenden, wie zum Beispiel New York, die unüberschaubar seien, und in denen viele Menschen nicht ins Krankenhaus gingen und gar nicht als Covid-19-Fälle erfasst würden. Liegt kein Verdacht vor, wird auch nicht zwangsläufig eine Obduktion durchgeführt. Gerade in Corona-Fällen bei Geringverdienern, Obdachlosen oder Migranten in New York könne das ein Problem darstellen.

Corona-Taskforce im Weißen Haus: Jared Kushner und die geschönten Zahlen

Laut der „Washington Post“ zweifeln Mitglieder der Task Force schon seit langem an den Zahlen des CDC. Und erst vor kurzem geriet Jared Kushner, Berater und Schwiegersohn von Donald Trump*, in den Verdacht, mit einem Modell die prognostizierten Todesfälle in der Corona-Krise herunterzurechnen.

Donald Trump hatte in der Vergangenheit immer wieder angedeutet, dass die Todeszahlen vielleicht gar nicht so hoch seien, wie sie dokumentiert werden, und dass demokratische Gouverneure die Zahlen künstlich nach oben treiben würden, um ihn, den Präsidenten, schlecht aussehen zu lassen. Gerade mit Blick auf die US-Wahl 2020* ist es dem Team Trump umso wichtiger, die Corona-Maßnahmen so schnell wie möglich abzubauen.

Corona-Krise in den USA: Washington übt Druck aus

In dieselbe Kerbe schlagen auch Moderatorinnen und Moderatoren auf Fox News, namentlich Laura Ingraham, Tucker Carlson und Sean Hannity. Sie alle halten die Gefahr für übertrieben, das Virus für einen Fluch aus China und die Wirtschaft für wichtiger als Menschenleben.

Doch nun besteht die reale Gefahr, dass das CDC unter dem Druck Washingtons nachgibt und seine Berechnungsmethoden der politischen Agenda Donald Trumps unterstellt. Den bisherigen Opfern in der Corona-Krise nutzt das genauso wenig wie den Künftigen.

Von Daniel Dillmann

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Rubriklistenbild: © Susan Walsh /dpa

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