„Die Zukunft ist nicht gesichert“

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Pastor Markus Meckel war einer der führenden Köpfe der Opposition in der DDR und 1989 Mitbegründer der Sozialdemokratischen Partei (SDP). Nach der ersten freien Wahl fungierte er von April bis August 1990 als DDR-Außenminister und handelte den berühmten 2-plus-4-Vertrag aus.

Offenbach/Kassel - Am Sonntag ist Volkstrauertag. Aus diesem Anlass sprach Wolfgang Blieffert mit Markus Meckel, dem Präsidenten der in Kassel ansässigen Kriegsgräberfürsorge, über die deutsche Vergangenheit und zukünftige Gefahren für Jugend- und Bildungsarbeit.

Herr Meckel, Sie sind seit wenigen Wochen Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Haben Sie einen familiären Bezug zu diesem Thema?

Mein Vater kämpfte als Offizier im sogenannten Kurlandkessel und geriet dort am 9. Mai 1945, dem Tag des Kriegsendes, in sowjetische Gefangenschaft. Erst nach viereinhalb Jahren kam er endlich frei. Insofern habe ich Glück gehabt. Aber der Vater meiner Mutter wurde im Januar 1945 westlich von Warschau vermisst. Mieczyslaw Tomala, ein polnischer Professor, der seit Jahren mit dem Volksbund zusammenarbeitet, hat uns geholfen das Dorf zu finden, aus dem der letzte Brief geschrieben worden war. Aber meine Mutter hatte nie die Chance, von ihrem Vater an einem Grab Abschied zu nehmen. Das war schon sehr traurig.

Wie wurde die Kriegsgräberfürsorge eigentlich in der DDR gehandhabt?

Das war kein Thema. Denn die DDR hat sich von der deutschen Verantwortung für den Krieg praktisch distanziert. Alles was mit dem Nationalsozialismus zu tun hatte, wurde verantwortlich auf den Westen geschoben. Alles was mit dem Widerstand zu tun hatte, wurde der DDR zugeschlagen. Wobei man der DDR-Führung natürlich zugestehen muss, das die meisten als alte Kommunisten im Widerstand gegen Hitler waren. Aber es ist der DDR gelungen ein Bild zu vermitteln, als ob man immer schon an der Seite der ruhmreichen Sowjetunion gestanden hätte.

Was waren die Folgen dieser Deutung von Geschichte?

Der Antifaschismus war die Legitimations-Ideologie für den kommunistischen Staat. Und so fand für seine Bürger quasi eine Art moralische Entschuldung statt. Dass es aber unsere eigenen Väter und Großväter waren, die bei den Nazis mitgemacht hatten, wurde ausgeblendet. Es wurde keine öffentliche Debatte geführt über persönliche Schuld und eigene Verantwortung. Auch von Flucht und Vertreibung war nie die Rede. Die Dimensionen wurden verniedlicht, die Betroffenen als normale Umsiedler dargestellt.

Der Volkstrauertag steht bevor. Brauchen wir noch einen solchen Gedenktag?

Der Tag bleibt wichtig, weil wir bis heute von Krieg und Kriegsfolgen geprägt sind. Immer noch sind wir dabei, Kriegsgräber zu identifizieren, Tote umzubetten und Menschen ein Grab zu geben. Es gehört zur Barmherzigkeit der christlichen Lehre, dass der Mensch Frieden und eine letzte Ruhestätte findet. Das gilt für Schuldige und Unschuldige. Diese Aufgabe bleibt, zumal sie im Osten Europas erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1990 begonnen werden konnte.

Ist das aber nicht in Wahrheit ein Thema, dass nur noch die Älteren interessiert?

Kriegsgräberfriedhöfe sind für die Älteren Orte der Trauer, während Jüngere da logischerweise keinen persönlichen Bezug haben. Für sie müssen Friedhöfe zu Orten der Bildung und Auseinandersetzung mit der Geschichte werden. Damit wir alle begreifen, wie viel Leid Kriege bringen können und dass so etwas nie wieder passieren darf.

Die Kriegsgräberfürsorge finanziert sich aus staatlichen Mitteln und aus Spenden. Müssen Sie sich Sorgen machen um die Finanzierung Ihrer Arbeit?

Natürlich. Denn die Mehrheit unserer Mittel kommt aus Mitgliederbeiträgen, Spenden und Nachlässen. Diese Summen gehen zurück. Als mein Vorgänger Reinhard Führer sein Amt 2002 antrat, hatte der Volksbund 340 000 Mitglieder, jetzt sind es noch 140 000. Diese Zahlen beleuchten das Problem. Zumal mit nachlassender persönlichen Betroffenheit die Bereitschaft sinkt mitzumachen und zu spenden. Die finanzielle Zukunft unserer Jugend- und Bildungsarbeit ist deshalb derzeit nicht gesichert. Die Politik bleibt gefordert, hier ihrer Verantwortung gerecht zu werden.

Quelle: op-online.de

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