Eine unpolitische Strömung?

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Bei einer Demonstration türkischer Regierungsgegner wird dieses Banner hochgehalten, das Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan (links) und den Kleriker Fethullah Gülen zeigt. Letzterer macht Erdoğan inzwischen die Macht in Ankara streitig.

Offenbach - Fethullah Gülen ist ein türkischer Prediger mit großem Einfluss auf die türkische Polizei und Justiz. Der 72-Jährige ist Kopf einer religiösen und sozialen Bewegung, die in mehr als 100 Ländern 1000 Schulen sowie Kitas und Nachhilfe-Einrichtungen betreibt.

In der Türkei soll die sektenähnliche Organisation zahlenmäßig ungefähr die Hälfte des konservativ-religiösen Lagers in der Türkei repräsentieren. Gülens religiöse Ansichten bewegen sich im sunnitischen Mainstream, tendieren aber auch zur spirituellen, pazifistischen Strömung des Sufismus. Sein Wirken rief in der Türkei immer wieder Gegner auf den Plan, mehrmals landete er im Gefängnis. Säkularisten und kurdische Nationalisten werfen der Bewegung eine totalitäre, ethnonationalistische Ideologie vor und beschuldigen sie der Unterwanderung staatlicher Organe. Vielfach wird Gülen als Verfechter für eine globale türkisch-islamische Vormachtstellung dargestellt. Für andere repräsentieren seine Ideen die Vereinbarkeit von Islam, Parlamentarismus und Kapitalismus.

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Die Lehre des 72-jährigen früheren Wanderpredigers unterscheidet sich von anderen Gruppen dadurch, dass er einen modernen türkischen Nationalismus, freie Marktwirtschaft und die Bedeutung der Bildung betont. Er bezeichnete die Türkei als „Land des Dienstes“ (dar ül-hizmet), in dem Muslime für Muslime und für die Versittlichung der Muslime zu arbeiten hätten. Der Staat selbst sei zu wichtig, um bekämpft oder gar zerstört zu werden. Gülen will vielmehr eine Elite heranbilden, die intellektuell in der Lage ist, den Staat zu leiten und in der Konkurrenz mit dem Westen zu bestehen, und die moralisch soweit gefestigt sein müsse, dass sie den Versuchungen des Westens nicht erliegt.

An der türkischen Debatte über dem Islam im öffentlichen Leben, über das Kopftuch, die Pilgerfahrt und die staatlichen Predigerschulen beteiligte sich Gülen nicht, weshalb säkulare Kreise in ihm kaum eine Bedrohung für ihre europäisierten Lebensformen sahen. Dies führte zu der einst mehr als heute verbreiteten Einschätzung, die Bewegung sei eine unpolitische Strömung.

In Folge des Militärsturzes 1997/98 und der anschließenden anti-islamischen Stimmung in der Türkei kam Gülen 1999 seiner erneuten Verhaftung zuvor und ging ins US-Exil. Seither galt er als enger Weggefährte des jetzigen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan, den er ins Amt verholfen haben soll. Im Gegenzug bekleideten Gülen-Anhänger hohe Ämter in der Regierung. Vor einigen Jahren zerbrach das Bündnis zwischen den beiden mächtigen Männern über unterschiedliche Ansichten, vor allem in der Außenpolitik.

Auf seiner deutschsprachigen Webseite dementierte Gülen am Mittwoch türkische Berichte, wonach er eine politische Partei gründen wolle. Seine Bewegung, die „all ihre Energie in ihre Bemühungen für den Frieden in der Türkei und in anderen Ländern der Welt steckt“, werde dies niemals tun.

(fel)

Quelle: op-online.de

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