Missbrauch bei Leiharbeit

Kommentar: Einen Riegel vorschieben

Mit der Leiharbeit hat sich in unserem staatlichen und wirtschaftlichen System etwas eingebürgert, was gewisse Züge einer Kannibalisierung trägt. Mit zuletzt 826.000 Beschäftigten (Stand: Juni 2010) hat die Zeitarbeits-Branche gerade einen neuen Rekord erreicht. Fakt ist: Die große Mehrheit dieser Menschen arbeitet zu weit schlechteren Konditionen als das Stammpersonal. Von Siegfried J. Michel

Die Vorteile für die Unternehmen: Sie sparen kräftig bei den Personalkosten, und sie können z.B. bei schrumpfender Wirtschaft flexibel - und ohne auf so unbequeme Dinge wie Kündigungsschutz Rücksicht nehmen zu müssen - ihre Mannschaften den Bedingungen anpassen. Und der Kannibalisierungs-Effekt?

Bei der letzten und noch nicht ganz durchgestandenen Rezession waren die Leiharbeiter die ersten, die ruckzuck auf der Straße standen und Gelder aus den Arbeitslosenkassen benötigten. Dies war nur der kurzfristige Effekt. Weit schwerer wiegen die Auswirkungen der wachsenden Leiharbeit insgesamt und mit den Jahren. Denn die weit niedrigeren Löhne bedeuten auch, dass die Leiharbeiter und deren Firmen geringere Zahlungen an die eh nicht vor Finanzkraft strotzenden sonstigen Sozialversicherungen - Renten-, Pflege- und gesetzliche Krankenkasse - leisten. Genau dies aber ist der Punkt, wo das Gesamtsystem Staat auf lange Sicht beschädigt wird. Denn diese Wenigverdiener werden im Senioren alter unter Altersarmut leiden und der Gesamtgesellschaft - zwangsweise - auf die Füße fallen. Fehlen Gelder in der Pflege- und Krankenkasse, werden über kurz oder lang höhere Beiträge fällig. Somit könnten die heutigen Gewinne der Firmen aus dieser Personalpolitik zu den Miesen der Zukunft werden - und zwar für alle Beteiligten und Betroffenen.

Glücklicherweise hat die Politik dies offenbar erkannt und schiebt der Entwicklung einen ersten Riegel vor. Der zur Abstimmung mit den anderen Ministerien vorgelegte „Lex Schlecker“-Entwurf von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen sieht vor, dass Betriebe zwar auch künftig Mitarbeiter entlassen und sie „in zeitlichem Zusammenhang“ als Leiharbeiter im eigenen Unternehmen einsetzen können, aber nur bei gleicher Bezahlung. Dies ist ein erster kleiner und noch nicht sehr mutiger Schritt, es werden noch weitere und dringend notwendige folgen müssen.

Quelle: op-online.de

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