"Großer Schritt für deutsches Schulwesen"

Kein Einheits-Abi - aber gleiche Standards

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Die ersten gleich schweren Aufgaben soll es 2017 geben.

Hamburg - Ein Einheitsabitur wie in Frankreich wird es nicht geben. Künftig sollen die Abituraufgaben in den 16 Bundesländern aber besser vergleichbar sein - auch wenn es noch ein bisschen dauert.

Kein Zentralabitur, aber gleich schwere Abschlussprüfungen in allen Bundesländern: Die Kultusminister der Länder haben nach jahrelanger Debatte den Weg für bundesweit einheitliche Abiturstandards freigemacht. Ob an einer modernen Gesamtschule in Bremen oder an einem altsprachlichen Gymnasium in Nürnberg - ab dem Frühjahr 2017 müssen Abiturienten in Mathematik, Deutsch, Englisch und Französisch gleiche Leistungsanforderungen erfüllen.

„Von der Grundschule bis zum Abitur liegen damit jetzt erstmals bundesweit geltende Bildungsstandards für die zentralen Fächer vor. Das ist ein großer Schritt für das deutsche Schulwesen“, kommentierte der Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), Ties Rabe (SPD), am Freitag den am Vorabend gefassten Beschluss.

Die Minister verwiesen darauf, ein Einheitsabitur wie etwa in Frankreich werde nicht angestrebt. Damit die Abschlüsse am Ende der gymnasialen Oberstufe aber noch besser miteinander verglichen werden können, steht den Ländern künftig ein Aufgaben-Pool zur Verfügung, aus dem sie sich für die Abiturprüfungen bedienen können - inklusive eines „Beipackzettels“ (Rabe) für die Benotung.

Zudem können Schüler dadurch leichter von einem Bundesland ins andere wechseln, wie Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) betonte: „Wir haben den Auftrag, zwei Grundrechte miteinander in Einklang zu bringen, nämlich Bildung und Mobilität.“

Anspruchsvolle Standards

Auch Lehrer sollen künftig leichter von einem Bundesland zum anderen wechseln können. Dazu beschlossen die Kultusminister die gegenseitige Anerkennung der Lehramtsabschlüsse. Spätestens Ende 2014 sollen die Rechtsvorschriften in den einzelnen Ländern angepasst sein. „Das deutsche Bildungssystem ist auf gut ausgebildete und hochmotivierte Lehrkräfte angewiesen, zumal in den nächsten Jahren viele ältere Lehrerinnen und Lehrer aus dem aktiven Schuldienst ausscheiden werden“, erläuterte Rabe.

Die vom Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) erarbeiteten Abitur-Bewertungskriterien beschreiben, was ein Schüler in den vier Kernfächern am Ende der gymnasialen Oberstufe können soll. In den Fremdsprachen soll der Fokus verstärkt auf das Sprechen und Hörverstehen gelegt werden, in Mathe soll die Stochastik (Wahrscheinlichkeitsrechnung) zentraler Bestandteil der Unterrichtsinhalte in der Oberstufe bleiben. Bis spätestens 2014 sollen die Kompetenzerwartungen für die Naturwissenschaften folgen.

Der vereinbarte Standard sei recht anspruchsvoll, sagte Rabe mit Blick auf Befürchtungen, das Niveau werde dadurch sinken. Der niedersächsische Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) erklärte zu gegenteiligen Erwartungen: „Wichtig ist die Botschaft an die Eltern und Schüler: Es wird dadurch nicht schwerer.“

2017 die ersten gleich schweren Aufgaben

Die bundesweite Einführung der Bildungsstandards ist für das Schuljahr 2014/2015 geplant - im Frühjahr 2017 können dann die ersten Oberstufenschüler gleich schwere Abituraufgaben schreiben. Sechs Ländern - Niedersachsen, Hamburg, Schleswig-Holstein, Bayern, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern - geht dies nicht schnell genug. Sie beginnen schon 2014 mit gemeinsamen Abiturprüfungskomponenten in den Fächern Mathematik, Deutsch und Englisch. „Auf den Zug werden mehrere aufspringen“, sagte Mecklenburg-Vorpommerns Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) der Nachrichtenagentur dpa.

Der Deutsche Philologenverband (DPhV) bezeichnete die KMK-Beschlüsse als wichtigen, aber relativ kleinen Schritt. Von einer umfassenden Vergleichbarkeit der Abiturprüfungen sei man aber noch weit entfernt, so der DPhV-Vorsitzende Heinz-Peter Meidinger. „In Zeiten, da Unterschiede von Hundertstelnoten beim Abiturdurchschnitt entscheidend für die Zulassung zu Studiengängen sein können, kommt es mehr denn je auf eine echte Vergleichbarkeit von Abiturprüfungen in Deutschland an.“ Zudem müssten auf dem Weg hin zu einheitlichen Standards insbesondere die Lehrer mitgenommen werden.

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) begrüßte die Bildungsstandards, bemängelte aber, dass noch eine verbindliche Umsetzungsstrategie für alle Bundesländer fehle.

dpa

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