Zu viele Baustellen

Kommentar zu Einsprüchen gegen Steuerbescheide

Erinnern Sie sich noch an einen Herrn Friedrich Merz? Wahrscheinlich schon, denn für Aufsehen und Schlagzeilen sorgte ein im Jahr 2003 unter der Leitung des CDU-Politikers ausgearbeitetes Konzept, das nur noch drei Steuerstufen – 12, 24 und 36 Prozent – vorsah. Von Siegfried J. Michel

Und die Herzen von Millionen Steuerpflichtigen klopften freudig, als Merz erläuterte, dass jeder Bürger seine Einkommensteuer künftig auf einem Bierdeckel ausrechnen können soll. Stoßgebete wurden gen Himmel geschickt. Leider vergebens. Die Steuererklärung ist immer noch ein Bürokratiemonster, das in jedem Jahr wieder bei den Betroffenen zu Schweiß-, Ärger- und Wutausbrüchen führt. Kein Jahr vergeht, in dem sich nicht in den vielen Formularbögen etwas ändert oder sogar neue hinzukommen. Das sorgt nicht nur für Verdruss, sondern auch für Fehler. Und die fallen nicht nur bei den Steuerzahlern an, wie jetzt eine Meldung zeigt: Die Finanzämter haben 2014 mehr als zwei Drittel der von ihnen bearbeiteten Einsprüche gegen Bescheide zugunsten der Bürger entschieden, heißt es da. Ganz offensichtlich liegt eine Fehlerquelle also auch in den Finanzämter.

Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Es gibt zu viele Baustellen in unserem Steuersystem. Erstens: Das deutsche Steuerrecht ist viel zu kompliziert, so verzwickt, dass augenscheinlich auch die Finanzbeamten den Über- und Durchblick verlieren. Und was geschieht: Nichts! Und wenn doch, dann wird es meist noch komplizierter.

Zweitens: Immer wieder doktert die Politik am Steuersystem herum, überwiegend mit negativen finanziellen Auswirkungen für den Steuerzahler. Der große Wurf: Nicht in Sicht! Und weil eben dauernd etwas geändert wird, müssen die Finanzbeamten auf Lehrgänge. So fällt Personal aus, dass eigentlich dringend gebraucht wird. Denn wie der Vorsitzende der Deutschen Steuergewerkschaft, Thomas Eigenthaler, vor wenigen Wochen sagte, gibt es „momentan 15 bis 20 Prozent zu wenig Steuerbeamte.“ Klar also, dass in den personell unterbesetzten Finanzämtern die Beamten, die nicht gerade wieder mal auf Schulung sind, den Berg an Steuererklärungen unter hohen Zeitdruck abzuarbeiten versuchen. Dass es so zu Fehlern kommt, verwundert nicht.

Höhere Steuern? Politiker-Zitate VOR und NACH der Wahl

Drittens – und das hat wieder mit Punkt zwei zu tun: Weil unsere Politiker laufend am Steuerrecht herum friemeln, müssen natürlich auch an der in den Finanzämtern eingesetzten Software die Änderungen eingepflegt werden. Das klappt dummerweise nicht immer einwandfrei. Folge: EDV-Probleme, Fehler, Zeitverzögerungen. In diesem Jahr war das unter anderem wegen einer Änderung bei Steuererklärungen mit der Anlage KAP für Kapitalerträge der Fall.

Fazit: Es wird allerhöchste Zeit, dass die Verantwortlichen in Berlin diese Baustellen endlich richtig angehen und sie beseitigen. Es sollte doch eigentlich möglich sein, ein Steuersystem zu schaffen, das nicht nur gerecht, sondern auch so einfach gestaltet und aus einem Guss ist, dass der Normalbürger es versteht und nicht verzweifelt Experten-Rat bei Lohnsteuerhilfevereinen oder Steuerberatern suchen muss.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare