Katastrophe in Pakistan

Entwicklung verschlafen

Es ist ein Jahrhundertereignis, eine Flut in Ausmaßen, die unvorstellbar sind - eine beispiellose menschliche Tragödie in einer Region, in der durch das Erdbeben 2005 und durch ideologische bzw. terroristische Auseinandersetzungen seit Jahren enorm großes Leid verursacht wurde. Und die Lage in Pakistan wird von Tag zu Tag dramatischer. Durch die Ausbreitung von Durchfall, Cholera und Atemwegserkrankungen sind die bereits geschwächten Menschen einer zusätzlich lebensbedrohlichen Situation ausgesetzt. Vor allem Kinder leiden an diesem unmenschlichen Zustand. Sie haben ihre Eltern verloren und ihr Zuhause wurde binnen weniger Minuten zerstört. Nahrung und Trinkwasser fehlen. Von Peter Schulte-Holtey

Viele Menschen in den reichen Ländern, auch in Deutschland, öffnen jetzt ihre Herzen und überweisen Spenden. Gott sei Dank! Wer noch zögert, sollte sich vor Augen halten, wie es wäre, wenn eine Flut die Häuser von Millionen Menschen zwischen Frankfurt und München unter Wasser setzen würde, wenn die Überlebenden auf Bahngleisen und Autobahnen zusammengedrängt auf Hilfe warten müssten.

Enttäuschend ist, dass die Bundesregierung bislang für Hilfswillige als Vorbild kaum getaugt hat und die Entwicklung in den ersten Tagen der Not völlig verschlafen wurde. Viel zu langsam öffneten die Verantwortlichen die Staatskasse, viel zu viel Zeit wurde vertan, bevor jetzt nach und nach die humanitäre und politische Dimension des Dramas erkannt wird. So verkündet Entwicklungsminister Dirk Niebel, Deutschland habe als eines der größten Geberländer bislang 52 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Niebel und Außenminister Guido Westerwelle müssten aber wissen, dass das zu wenig ist. Sie sollten endlich anerkennen, dass es eine beispiellose Katastrophe ist, die eine beispiellose Hilfsaktion Deutschlands zur Folge haben muss.

Wenn diese in eine möglichst unbürokratische internationale Kooperation eingebunden würde, könnte noch mehr erreicht werden. So sollten sich die beiden Minister jetzt auch als „Spendensammler-Außenpolitiker“ bewähren, die nicht mit Appellen an die superreichen Staaten - zum Beispiel am Golf - sparen, die doch leicht einige Milliarden Euro der islamischen Republik Pakistan zur Verfügung stellen könnten.

Und die Bundesregierung müsste deutlicher machen, dass es auch um eine zutiefst politische Katastrophe geht, die die Machtverhältnisse in Pakistan verschieben könnte. Wenn nicht das Militär und die unideologischen Helfer zuvorkommen, wird die Not die Ausbreitung der Fundamentalisten beschleunigen. Es sollte sich doch herumgesprochen haben, dass vor allem schnell gehandelt werden muss. Wer jetzt in Pakistan offensiv und plakativ hilft, wer logistische Unterstützung, Ärzte, Trinkwasser-Aufbereitungsanlagen und Zelte anbietet, der ergreift auch eine Chance, kann mehr Einfluss in einem Land gewinnen, das als Atommacht und Nachbarstaat von Afghanistan von großer Bedeutung für den Weltfrieden ist.

Hilfe ist also nicht nur aus humanitären Gründen geboten. Es mag zynisch klingen, aber auch aus egoistischen, politischen Erwägungen heraus, sollte doch jeder in Deutschland ein Interesse daran haben, dass in Pakistan nicht der letzte Rest von Stabilität in der apokalyptischen Flut untergeht.

@peter.schulte-holtey@op-online.de

Quelle: op-online.de

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