Aufruhr in arabischer Welt

Ernüchternde Bilanz

Keine zwei Monate sind vergangen, seit Tunesier und Ägypter sich von ihren Alleinherrschern befreit haben, und schon scheint die Zeit der friedlichen Umstürze in der arabischen Welt wieder vorbei zu sein. Von Fabian El Cheikh

Dass die Autokraten mit der ganzen Härte ihrer Sicherheitsapparate den aufgestauten Frust ihre Untertanen zu unterdrücken gedenken, hatten viele Beobachter von Anfang an erwartet. Sie haben Recht behalten. Die ernüchternde wie Besorgnis erregende Entwicklung in Libyen ist dabei nur jener Krisenherd, dem der Westen die meiste Aufmerksamkeit schenkt. Dort, in direkter Nachbarschaft zu Europa, gibt es reichlich Öl und Potenzial für weitere Geschäfte, etwa im Bausektor. Nicht so im bitterarmen Jemen - oder dem mit Iran verbündeten Syrien. Dort zögerte das Regime keine Sekunde, auf seine Landsleute zu schießen. Von 100 Toten spricht die Opposition nach wenigen Protesttagen.

Dabei hätte sich noch vor kurzem kaum ein Syrer auf Wetten eingelassen, dass der Sturm der Proteste auch nach Damaskus herüberschwappen würde. Aus mehreren Gründen: Zum einen gibt es in der Region wohl kein repressiveres Regime. Die 22 Millionen Syrer sind jahrzehntelang von konkurrierenden Geheimdiensten eingeschüchtert worden, über Innenpolitik spricht bis heute niemand, oft nicht einmal innerhalb der eigenen vier Wände. Zum anderen nutzte das Regime die ständige Bedrohung durch Israel geschickt aus, um die eigenen Probleme in den Hintergrund zu rücken. Mit seiner antiisraelischen Außenpolitik wusste Präsident Assad des Volkes Wille auf seiner Seite. Er ist daher keineswegs unbeliebt, vor allem die jungen Menschen und die syrischen Christen zählen auf den Präsidenten, der selbst der alawitischen Minderheit angehört. Als er vor elf Jahren das Amt seines Vaters übernommen hat, öffnete er zaghaft das Land, führte Mobilfunk und Internet ein und ließ für kurze Zeit politische Freiräume zu. Doch die Kette der Ereignisse, die folgten - die Al-Aksa-Intifada, der 11. September 2001 und die westliche Invasion im Irak   - gaben dem Regime die Gelegenheit, den langsamen, kontrollierten Wandel zurückzustellen. Die „kritischen regionalen Verhältnisse“ dienten als Ausrede für den Reformstopp. Doch während früher die externen Bedingungen dafür sprachen, es langsam anzugehen, erfordern sie nun ein schnelles Handeln. Jetzt muss Assad die immer wieder versprochenen Reformen umsetzen. Noch fordern die Syrer keinen Regimesturz. Das kann sich schnell ändern.

@fabian.el-cheikh@op-online.de

Quelle: op-online.de

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