Euphorie und Angst

Der Despot ist gestürzt. Der dienstälteste Machthaber der Welt hat verloren. Endlich. Aber wer ist der Sieger, wer hat den Kampf gegen den einstigen Terroristen-Freund, den der frühere US-Präsident Ronald Reagan den „tollwütigen Hund des Nahen Ostens“ genannt hat, gewonnen?.

Die Rebellen! Sicher, aber wer sind sie, was wollen sie, wer führt sie, und wohin? Libyen schlingert in einer Phase zwischen Euphorie und Angst. Der Jubel über das Aus des brutalen Unterdrückers ist groß. Bei vielen, aber nicht bei allen. Er wird sich legen. Und dann kommt die Angst vor dem Danach, die Angst vor Anarchie und drohender Gesetzlosigkeit: Weil derzeit sich niemand abzeichnet, der in der Lage sein könnte, das entstandene Machtvakuum in Libyen durch eine Regierung zu füllen, die demokratische Ansätze aufweist. Der zusammengewürfelte Rebellenhaufen, den nur der Wille zum Sturz Gaddafis zusammengehalten hat, ist es wohl kaum.

Die Einflussmöglichkeiten des Westens sind begrenzt. Daran ändern weder die Überlegungen in Richtung Nato-Truppen für Libyen noch ein Nicolas Sarkozy etwas, der nicht zuletzt aus geschäftlichen Interessen jetzt die Rebellenchefs hofiert, wie er einst Diktator Gaddafi hofiert hat.

Das heißt nicht, dass Libyen für Europa tabu sein sollte. Im Gegenteil: Es ist einer der Knotenpunkte in Nordafrika, es ist eines der ölreichsten Länder der Welt, und es ist deshalb kein Zufall, dass die Chinesen, die nach Afrikas Bodenschätzen gieren, beim Libyen-Aufbau eine aktive Rolle spielen wollen.

Doch das ist Zukunftsmusik. Noch ist Libyen ein Pulverfass, in dem viele Stämme und Einzelinteressen unter einen Hut zu bringen sind. Das braucht Zeit – und eröffnet neuen Radikalen ungeahnte Chancen. Die Sorge um das Libyen von morgen ist nur allzu berechtigt. Heute aber sollte man sich mit den Libyern freuen, denn Gaddafi ist Geschichte, und das ist ihr Verdienst.

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Quelle: op-online.de

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