Gefährliches Gemisch

Brennende Geschäfte, Plünderungen und Angriffe auf Polizisten - die Lage in Großbritannien eskaliert. Staunend beobachten wir den nicht für möglich gehaltenen Gewaltausbruch.

Er zeigt, dass die aufgestaute Wut vieler Jugendlicher über stetig wachsende soziale Gegensätze von Politik und Polizei völlig verkannt worden ist. Und die Angst wächst vor dem gefährlichen Gemisch aus Frust und Perspektivlosigkeit, denn selbst in der zweiten und dritten Generation ist der Nachwuchs aus den Einwanderer-Milieus auf der Insel oft enorm gesellschaftlich benachteiligt.

Vor allem überrascht, wie wenig die Polizei dazu gelernt hat. 1985 wurden die Unruhen in Broadwater Farm, einer Siedlung in London-Tottenham, durch den Tod einer Frau ausgelöst, die unter ungeklärten Umständen bei einer Polizeirazzia starb. Die Krawalle am Wochenende begannen, nachdem die Polizei einen Mann, der ebenfalls in dem Viertel wohnt, erschossen hatte. Verständlich, dass den Sicherheitsbehörden dort Misstrauen entgegen schlägt.

Natürlich wird die britische Polizei jetzt zum Umdenken gezwungen, die Kommunikation mit den Bewohnern in den sozialen Brennpunkten muss verbessert werden. Die Suche nach weiteren brauchbaren Antworten auf die Misere wird aber nicht einfach. Denn die prekären Umstände, unter denen viele britische Jugendliche aufwachsen, werden just in diesen Monaten durch die Sparbemühungen der Regierung, durch Kappungen bei Sozialprogrammen, noch verschärft. Vor allem bei Migrantenkindern wächst die Arbeitslosigkeit.

Deutsche Sozialpolitiker sollten die Unruhen zum Anlass nehmen, auf die eigenen Krisenherde zu blicken. Auch den jungen Leuten in Problemvierteln unserer Großstädte muss mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden. In engagiertere Sozialarbeit sollte investiert werden, damit oftmals enttäuschte Jugendliche mehr Bildungschancen haben und an eine bessere Zukunft glauben können. Es muss wohl immer wieder daran erinnert werden: In Deutschland leben über drei Millionen Kinder in Armut. Allein in Berlin sind 40 Prozent aller Mädchen und Jungen auf Hartz IV angewiesen. Das ist eine Katastrophe.

peter.schulte-holtey@op-online.de

Quelle: op-online.de

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