Kommentar: Gegen den Strom

Die einstige rot-grüne Regierung hatte mit den Stromkonzernen einen Atomausstieg vereinbart, der bis 2022 wirksam werden würde. Mit diesem Vertragswerk und der Fokussierung auf alternative Energiequellen hat die Mannschaft um den damaligen Kanzler Gerhard Schröder nicht falschgelegen.Von Siegfried J. Michel

Eine aktuelle Emnid-Umfrage hat jetzt gezeigt, dass fast zwei Drittel der Bundesbürger (63 Prozent) wollen, dass die Atommeiler im Land schnellstmöglich vom Netz genommen werden. Und erst am vergangenen Wochenende demonstrierten rund 100 000 Atomkraftgegner mit einer 120 Kilometer langen Menschenkette zwischen den Meilern Brunsbüttel und Krümmel gegen die Atompolitik der schwarz-gelben Bundesregierung, die auf eine Verlängerung der Laufzeiten der 17 Atommeiler in Deutschland hinarbeitet. Proteste gab es auch im hessischen Biblis, wo mehr als 10 000 Menschen eine Kette um das AKW-Gelände bildeten. Bundesweit sollen es bei den verschiedenen Aktionen mehr als 140 000 Teilnehmer gewesen sein, es war damit eine der größten Anti-Atom-Demonstrationen der vergangenen Jahre.

Der Zulauf wird sich steigern, und der Konflikt in der Gesellschaft dürfte sich zuspitzen. Denn große Teile von FDP und CDU/CSU wollen die Atomkraftwerke in Deutschland deutlich länger am Netz lassen. Möglicherweise kommt es erst bis zum Jahr 2050 zum kompletten Atomausstieg. Die Mehrheit der Menschen im Land hält diesen Weg ganz offensichtlich für falsch, und mit ihrer Politik schwimmt die Bundesregierung somit deutlich gegen den Strom. Die Gründe für die Besorgnisse der Bürger sind rasch aufgezählt: Sie halten trotz der Beteuerungen aus Politik und Energiewirtschaft die AKW eben nicht für hundertprozentig sicher. Und in der Endlagerfrage des lebensgefährlich strahlenden Mülls gibt es weltweit noch immer keine Lösung. Das milliardenteure Debakel in der Asse spricht für sich.

Gleichwohl hat Bundesumweltminister Norbert Röttgen jetzt bekräftigt, dass die Regierung an längeren Laufzeiten der Atomkraftwerke festhält. Der CDU-Politiker spricht dabei von einer verlängerten „Brücke in eine neue Zeit“. Sicher, Strom kommt nicht einfach so aus der Steckdose. Mehr als fragwürdig aber wäre ein Aufstocken des ursprünglich geplanten Ausstiegszeitraumes um mehr als 25 Jahre. Der Erforschung und Weiterentwicklung im Bereich der alternativen Energien würde damit erheblich Wasser abgegraben. Und niemand weiß, ob die „verlängerte Brücke“ bis dahin allen Störfällen standhält. Im Grunde seines Herzens weiß das auch Röttgen, wenn er Gefahren beim Atommüll einräumt, „den wir über einen Zeitraum jenseits allen Vorstellungsvermögens lagern müssen“. So ist es!

Quelle: op-online.de

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