Merkel und Medusa

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Wie Georgios heißen die Inselgriechen nach wie vor deutsche Gäste herzlich willkommen. Seine Taverne betreibt der Fischer mit seiner Familie am Marmorstrand des Örtchens Lionas an der touristisch kaum erschlossenen Ostküste von Naxos. 

Offenbach/Naxos - Nach der südländischen wärmte die Sonne der Bewunderung uns zuvor für waghalsig bis verrückt erklärte Bundesbürger. Dass wir’s gewagt hätten und unversehrt heimgekehrt seien. Von Thomas Kirstein

Unser aktueller Ruhm überstrahlte den von Forschern, die einst in von wilden Tieren und Menschenfressern bewohnte Gebiete vorstießen. Bis Frau Kanzlerin unseren vermeintlichen Mut toppte, als sie ankündigte, sich höchstselbst in die Höhle des Löwen wagen zu wollen. Ausgerechnet sie.

Wir urlaubten im Spätsommer in Griechenland. Reisten in einen sich von deutschen Vorgaben gegängelt fühlenden Pleitestaat, zu Menschen, die nach hiesiger Ansicht einen ungerechten Brass auf Besucher aus dem bevormundenden Nordland entwickelt haben müssen. Trugen unser Geld in eine Welt, in die man derzeit eher nicht reist, wie die Einbrüche der Tourismusbranche belegen.

Schlimmeres als nur Prügel

Man hat es ja gelesen: vom Holländer, den sie auf dem Peloponnes verhauen haben, weil sie ihn für einen Deutschen hielten; von Athener Krawallbrüdern, die vor Fernsehkameras Schlimmeres als nur Prügel androhten, sollten sie Deutschen begegnen; von brennenden Deutschlandfahnen, von übelsten Schmähungen der Kanzlerin in der griechischen Presse.

Hießen wir Angela oder Merkel, wären wir tatsächlich besser nicht nach Hellas gereist. Aber wir waren uns sicher, dass der Grieche und die Griechin sehr wohl zu differenzieren wissen. Verallgemeinerung, so unsere bestätigte Meinung, ist den meisten fremd. Wäre ja auch schlimm: So blöd kann einen keine Verbitterung machen, dass man einen Teil derjenigen, die den wichtigsten Wirtschaftszweig am Laufen halten, mutwillig ausgrenzt. Der Grieche und die Griechin – lassen wir aufgepeitschte Athener beiseite – stehen stattdessen weiterhin für sprichwörtliche Gastfreundlichkeit. Der kann keine Euro-Krise etwas anhaben.

Schon gar nicht fern der Hauptstadt, in der Ägäis, auf den Kykladen, auf Inseln wie Mykonos und Santorin, besonders nicht auf der schönsten von allen, auf Naxos. Niki, die mit ihrem Mann Nikos eine familiär-gemütliche Pension hinter dem venezianischen Kastell von Naxos-Stadt betreibt, winkt auf die Frage nach veränderten Einstellungen zu Deutschen ab: „Vergesst’s, das wird in den Medien bei uns und euch nur hochstilisiert.“

Krise und Debatte über Griechenlands Zukunft

Krise und Debatte über Griechenlands Zukunft haben sich gewiss verschärft. Davon kriegen wir Touristen aber bislang nichts mit. Die von Daheimgebliebenen befürchteten Ressentiments lässt uns niemand spüren. Ganz im Gegenteil.

Verkehrszweitsprache auf den Inseln ist Englisch, das wir für griechische Ohren wohl so beherrschen, dass für sie unsere Herkunft nicht auf Anhieb zu ermitteln ist. Die interessierte Frage nach der Heimat des Tavernen-Gastes gehört auf Naxos zur gelungenen Bewirtung wie das Schälchen Nüsse zum Mythos-Bier und der Ouzo aufs Haus. Wir antworten immer ehrlich und bereuen es nie. „Where‘re you from?“ „Germany.“ Es folgt stets ein Lächeln und der Beweis wenigstens rudimentärer deutscher Sprachkenntnisse: „Guten Tag, danke schön.“

Wir heißen ja, wie erwähnt, nicht Angela oder Merkel. Griechenland-Kenner und Reisebuch-Autor Klaus Bötig, dank ausreichender Griechisch-Kenntnisse auch zu Streitgesprächen in der Landessprache fähig, notiert in seinem Internet-Blog: „Einmal wurde ich auf Griechisch wegen Frau Merkel angemacht. Da habe ich schlicht erwidert, dass ich weder Frau Merkel bin, noch sie je gewählt habe …“

Merkel als das Böse schlechthin

Auch wir können bestätigen: Die Bundeskanzlerin gilt im verarmten EU-Mitgliedsland momentan als das Böse schlechthin. In der altgriechischen Mythologie träte sie wohl an der Seite von Ungeheuern wie der schlangenhaarigen Gorgo Medusa und den adlerbeflügelten Harpyien auf. Nicht dass die Griechen eine bessere Meinung von ihrer eigenen korrupten Politikerkaste und ihren steuerhinterziehenden Superreichen hätten. Aber das Schimpfen erledigen sie gern unter sich im Kafenion, lassen sich nur ungern von anderen die Empörung vorschreiben. Die Ablehnung jeglicher Einmischung verschärft auch das Bild von der heute in Athen eingetroffenen mächtigen Frau.

Da ist Stavros, der die Früchte seines Gartens – „All organic!“ – von der Pritsche seines Pick-ups herab an Touristen verkauft, die nahe dem naxischen Dorf Melanes „Kouroi“ bewundern – in Marmorbrüchen verbliebene überlebensgroße Apollostatuen. Als er uns Trauben, Pfirsiche und seinen gewöhnungsbedürftigen Hausmacher-Wein andreht, erfragt auch er die Herkunft. „Ah, Germany! Good country, good people. But Anchela – no!“

An der steil zum pittoresken Bergdorf Apiranthos hinaufführenden Straße erbarmen wir uns einer Mittachtzigerin, bitten sie in unseren Leih-Jeep, um ihr den letzten mühseligen Kilometer Fußmarsch zu ersparen. Glücklich sprudelt die alte Dame auf Griechisch los. Wir verstehen nur Museum, dürfen ahnen, dass ihr Gatte dort oben auf dem Friedhof ruht. Es folgt das Unvermeidliche: „Inglese?“ „No, Jermania.“ Das alte Gesicht wird noch runzliger, Mundwinkel ziehen sich angeekelt nach unten: „Määärgell, bäh!“ Um gleich wieder fröhlich-freundlich wie zuvor uns so netten Deutschen dankbar auf die Schulter zu klopfen.

Kanzlerinnen-Phobie der Landsleute

Der griechische Autor Petros Markaris macht sich in seinem neuen Krimi über die Kanzlerinnen-Phobie seiner Landsleute lustig. In „Zahltag“ geht es um einen Erpresser, der von ihm entlarvte Steuerhinterzieher bei Nichterstattung ihrer Schuld umbringt; allein die Drohung bringt dem griechischen Staat Millionen; einer der zahlungswilligen Abgabenpreller vertraut Kommissar Kostas Charitos seine Verschwörungstheorie an: Das mit dem Mörder, das habe die Merkel ausgeheckt und der Regierung aufgezwungen ...

Wer sich seiner Kanzlerin nicht allzu nahe fühlt und Angriffe auf sie unsolidarisch wegstecken kann, sollte ungetrübte Ferien in Insel-Hellas verbringen können. Ebenso jeder, der sich beim Bezahlen in der Taverne die flotte Bemerkung verkneift, eigentlich müsste dank der großzügigen deutschen Unterstützung für unsereinen hier alles umsonst sein.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:

Persönliche Hilfe erwägen

PS: Dieser Beitrag ist nicht Ergebnis einer gründlichen Recherche, sondern entspringt individuellen Erfahrungen von drei Tagen auf Mykonos, vierzehn auf Naxos und vieren auf Santorini. Er darf auch gern als naives Plädoyer verstanden werden, trotz allem einen Griechenland-Urlaub zu erwägen.

Quelle: op-online.de

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