Künast gegen Wowereit

Kommentar: Es grünt so grün

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Ulrich Kaiser

Was Wunder, wenn die Grünen sich von Allzeithoch zu Allzeithoch hangeln: Beständig Wasser auf ihre Mühlen träufeln Weichenstellungen von Schwarz-Gelb im Bund und den verbliebenen Regierungsverbündeten in den Ländern. Von Ulrich Kaiser

Der Ausstieg vom Ausstieg aus der Kernkraft, Castor-Transporte ohne annähernd gelöste Endlager-Frage, aber auch Volkes Stimme bei Stuttgart 21 - das ist der Stoff, aus dem grüne Träume zur Umfragen-Realität geworden sind. Es grünt so grün in Merkels Herbst der Entscheidungen. Die vollends etablierten Alternativen, die kaum Identitätsverluste erlitten beim abnutzungsträchtigen Marsch durch die Institutionen, sind die großen Profiteure in den Reihen der Opposition. Längst richtet die noch immer ihrer verlorenen Unschuld nachtrauernde alte Tante SPD nicht mehr den verängstigten Blick auf die inzwischen entzauberten Abspenstigen vom linken Lager, nun starrt sie auf ihre einst verbandelten Rivalen fast wie das Kaninchen auf die Schlange. Hat Gabriels Verein ihnen weiter kein überzeugendes Konzept entgegenzusetzen, dann kann es bald irgendwo Grün-Rot heißen statt Rot-Grün - vielleicht in Berlin.

Dass Bundestags-Fraktionschefin Renate Künast erwartungsgemäß den Kampf mit Klaus Wowereit aufnimmt, ist angesichts der politischen Stimmung auch in der Republik nur folgerichtig. Sollte sie den Bürgermeistersessel in der Hauptstadt erobern, hätte dies unvergleichliche Symbolwirkung: Wäre der grüne Triumph im Roten Rathaus doch ein Fanal zum Sturm aufs Kanzleramt, mit der SPD als potentiellem Juniorpartner.

Auch wenn ihnen die politischen Umstände derzeit in die Hände spielen: Zumindest können die Grünen sich zugute halten, dass sie ihren Markenkern zu bewahren wussten - ganz anders als Sozial-, Frei- und Christdemokraten. Dass sie darum authentisch daherkommen, mag ihnen Attraktivität im direkten Vergleich verleihen. Sich treu geblieben, konnten sie wohl nicht zuletzt deshalb Wählerreservoirs auch in zutiefst bürgerlichen Milieus erschließen - als die wahren Konservativen.

Quelle: op-online.de

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