Guttenbergs Rücktritt

Kommentar: Für die Hygiene überfällig

Ein Stern ist verglüht. Der Deutschen Lieblingsminister ist auf dem politischen Parkett ausgerutscht. Nicht Neider oder Medien haben Karl-Theodor zu Guttenberg zur Strecke gebracht. Von Frank Pröse

Er selbst hat seine durch die Plagiatsvorwürfe ausgelöste Glaubwürdigkeitskrise falsch gemanagt und den richtigen Zeitpunkt für den großen Befreiungsschlag versäumt. Guttenberg hat von Anfang an nur zugegeben, was nicht mehr zu leugnen war. Er hat damit sich selbst, aber auch der Regierung und dem konservativen Lager insgesamt schweren Schaden zugefügt.

Guttenbergs Rücktritt ist mitnichten das Resultat einer vermeintlichen linken Hetzjagd. Die einzige Person, die die Verantwortung für das Plagiat und die Medienberichterstattung hierüber trägt, ist zu Guttenberg selbst. Der öffentliche Druck gegen den Verteidigungsminister kam vor allem aus dem politisch neutralen bis konservativen Wissenschaftssektor und aus der Bevölkerung selbst. Es können aber auch unbesorgt Wetten darauf angenommen werden, dass Guttenbergs politische Freunde in immer größerer Zahl von ihm abgerückt sind.

Der „Politiker mit Rückgrat“, als der Guttenberg von Parteifreunden gerne bezeichnet wird, ist diesem Ruf gestern nicht gerecht geworden. Da gerierte sich einer als Medienopfer, der die Presse für jeden Selbstdarstellungsunsinn zu nutzen wusste. Sein Kleben am Stuhl verkaufte er noch als Pflichterfüllung und missbrauchte dazu den bedauernswerten Tod dreier Soldaten: „Wenn es auf dem Rücken der Soldaten nur noch um meine Person gehen soll, kann ich das nicht mehr verantworten.“ Wie geschmacklos. Es gibt keinen Zusammenhang zwischen der Plagiatsaffäre und getöteten Bundeswehrsoldaten.

Für die politische Hygiene in Deutschland war der Rücktritt überfällig. Zugleich ist es wirklich schade, dass nun niemand mehr in der politischen Landschaft zu finden ist, von dem man wenigstens glauben möchte, dass er geradlinig und authentisch ist. Ungeachtet einiger handwerklicher Fehler hat Guttenberg die Massen zu begeistern gewusst. Deshalb war es auch für viele so schwer, die Hoffnung auf den Hoffnungsträger einfach so fahren zu lassen. Doch auch sie werden vielleicht noch erkennen, dass der Rücktritt für die Zukunft der politischen Kultur im Land ein Segen ist. Was Anstand, Aufrichtigkeit und Zuverlässigkeit von Politikern anbetrifft, werden an alle die gleichen Anforderungen gestellt. Diese Selbstverständlichkeit drohte in den vergangenen zwei Wochen in wilden Beschimpfungsorgien gegen die aufklärerisch arbeitende „Meute“ unterzugehen.

Die Nibelungentreue der Kanzlerin hat sich nicht ausgezahlt. Zumindest bis zur Baden-Württemberg-Wahl hatte sie zu Guttenberg im Kabinett halten wollen, hat dabei konservative Werte wie Anstand und Fairness missachtet und damit sukzessive den „Aufstand der Anständigen“ (FAZ) im Bildungsbürgertum provoziert. Nach der Ära Guttenberg wird in Berlin nun erst einmal nur noch das Mittelmaß regieren. Geführt wird die Riege von einer angeschlagenen Kanzlerin, der das Personal für einen Neuanfang fehlt, die freilich deshalb in den eigenen Reihen auch keinen Nebenbuhler mehr fürchten muss. Denn selbst wenn sich zu Guttenberg mit dem Rücktritt die Chance auf eine Rückkehr ins Zentrum der Macht erhalten hat; Kanzlerkandidat wird er nicht mehr.

Quelle: op-online.de

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