Nach der Wahlen II.

Kalte Realität

Die Wahlnacht war für die Grünen ein einziger Rausch. Am Morgen danach allerdings machte sich im Umfeld des Mannes, der nun erster grüner Regierungschef in Deutschland werden soll, Ehrfurcht vor kommenden Aufgaben breit. Von Martin Krigar

Übergroß sind im Glanze des Triumphs die Erwartungen der eigenen Anhänger – ebenso mächtig die Hoffnungen der Gegner auf ein schnelles Scheitern des grün-roten Projekts. Winfried Kretschmann wird sich noch oft an den Weg zur Wahl erinnern. Wie vergleichsweise einfach das doch war ...

Ab jetzt ist das Wunschdenken von kalter Realität verdrängt: Winfried Kretschmann muss dem Land vor allem erklären, dass der Abschied von der Atomenergie länger dauert als ein Wahlkampf. Kretschmann muss eine unerfahrene grüne Fraktion, die sich drei Jahrzehnte lang zwangsläufig allenfalls in Opposition üben konnte, in die Regierung führen. Kretschmann muss Parteimitglieder bändigen, die die Welt nun gleich im Handstreich ändern wollen (wozu Grüne neigen); vor allem auf ideologisch besetzten Feldern wie der Schulpolitik wird das spannend. Kretschmann muss vermitteln, dass er den Atomkonzern EnBW nicht in einer Nacht zum Ökoladen umbauen kann. Und Kretschmann muss Stuttgart 21 lösen – ein Problem, das vielleicht gar nicht mehr ordentlich lösbar ist.

Ein schweres Paket. Wer dem grünen Konservativen das alles aber aus Prinzip nicht zutraut, sollte ein paar Jahre zurückdenken: Als Joschka Fischer noch Minister in Turnschuhen war, sagte ihm kaum jemand eine erfolgreiche Laufbahn voraus. Nun schreibt auch sein damaliger Ministerialrat Geschichte – immerhin ein Mann mit Erfahrung. Kretschmann ist nur einen Monat jünger als Fischer. Polit-Karrieren gipfeln halt manchmal überraschend und spät.

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Quelle: op-online.de

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