Keine Spur von Einsicht

Zumindest Verlage werden jubeln: Zwei Bestseller befassen sich ja derzeit kritisch mit dem Familienleben von Helmut Kohl - und der Ex-Kanzler wird durch seine heftige Schelte den Absatz der Bücher befeuern.

Die Veröffentlichungen überschritten die Grenzen von Geschmack und Anstand weit und stünden „in wesentlichen Punkten mit der Wahrheit nicht in Einklang“, meint Kohl. Das klingt zornig. Auf Verständnis wird er damit aber kaum stoßen, er nennt ja keine Details - was ist denn falsch, was ist unanständig in den Büchern?.

Kohl kann offenbar nicht eingestehen, dass seine Frau und seine Söhne sehr unter seinem Politikerleben gelitten haben. Nach außen legte die Familie ja großen Wert auf „heile Welt“, doch die Wirklichkeit sah (wie in vielen Beziehungen von Spitzenpolitikern) ganz anders aus.

Der älteste Sohn Kohls, Walter, hat dies eindrucksvoll geschildert: Es wurde ein sehr bewegendes Buch eines Mannes, der offensichtlich traumatisiert ist durch die „Vaterbeziehung“; lesenswert, auch wenn man nicht ein Anhänger des Kanzlers Kohl war - oder vielleicht gerade deswegen. In einem Deutschland-Funk-Interview hat Walter Kohl Sätze gesagt, die auch seinen Vater beeindrucken müssten: „Mein Vater hat durch seine politische Tätigkeit sicherlich viele Belastungen in unsere Familie reingebracht, aber am Ende ist die Verantwortung über die eigene Lebensgestaltung immer bei einem selbst. Das ist auch ein zentraler Grund, warum ich das Buch geschrieben habe, weil es für mich zu meiner Lebensgestaltung gehört, offen über diese Dinge zu schreiben und Menschen eben auch zu zeigen, man muss sich nicht schämen, man muss nicht bedeckt in seinem Leben sein, wenn man mit Problemen kämpfen kann, es ist besser, offen darüber zu sprechen, und es ist besser, aktiv dafür auch eigene Lösungswege zu suchen ....“

Will Helmut Kohl diese Form von Schicksalverarbeitung nicht akzeptieren? Wieder einmal zeigt sich, wie starrköpfig - vielleicht sogar rücksichtslos - er seinen Weg geht. Schweigen zum Spendenskandal, Bruch mit langjährigen Gefährten, mit der Familie - Kohl hat nichts dazu gelernt. Von Nachdenklichkeit oder gar Einsicht ist der „Kanzler der Einheit“ weiter entfernt denn je. Schade!

peter.schulte-holtey@op-online.de

Quelle: op-online.de

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