„Woche für das Leben“

Kommentar: Alter neu denken

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Wie schnell sich Deutschland gerade verändert, zeigt sich auch an der rasant steigenden Lebenserwartung. Die „Generation plus“ (wie sie in der Werbeindustrie gerne genannt wird) nimmt einen immer größeren Platz in unserer Gesellschaft ein. Von Peter Schulte-Holtey 

Und es ist ja auch überall zu beobachten: Viele Ältere sind sportlich aktiv, mobil, engagiert, und viele können mit ihrem Leben zufrieden sein. Es ist ein höchst erfreulicher Trend, der noch durch eine weitere Tatsache gestützt wird: Materiell geht es der Seniorengeneration so gut wie keiner vor ihr – und wohl auch keiner nach ihr. Es scheint also so, als würde die jetzige Rentnergeneration als die goldene in Erinnerung bleiben.

Für unsere Gesellschaft sind sie ein Segen; viele Senioren leben genau das vor, was Alternsforscherin Ursula Lehr beobachtet und im Interview mit unserer Zeitung beschreibt: Sie möchten etwas Sinnvolles tun, für andere da sein. Nach Jahrzehnten meist fremdbestimmter Arbeit im Beruf sehnen sich die Menschen danach, sich endlich selbst zu verwirklichen. Sie wollen nützlich bleiben. Wer sich mit Menschen unterhält, die sich in Ehrenämtern engagieren, merkt schnell, dass sich die zwischen 1940 und 1965 Geborenen als Mitglied der „Generation Aufbruch“ sehen. Erstaunlich viele sind geprägt von dem Veränderungsgeist, den die Generation in den 1960er Jahren und danach bewiesen hat, als sie die sexuelle Befreiung und viele andere gesellschaftliche Reformen durchgesetzt hat. Offenbar haben viele Ältere längst die Devise befolgt, die Professorin Lehr hervorhebt: „Wer keine Aufgabe hat, der gibt sich auf.“

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Plädoyer für „Alter in Würde“

Die Erfolgs- und Wohlfühlmeldungen dürfen aber nicht den Blick auf gefährliche Entwicklungen in der Gesellschaft verstellen. Wenn die jetzige Seniorengeneration Verantwortung übernehmen will, sollte sie auch mehr an die Zukunft der Jüngeren denken. Viele Menschen sind im Niedriglohnsektor beschäftigt und zahlen nur kleine Summen in die Rentenkasse ein. Wer heute 2000 Euro brutto verdient, wird, wenn er 2030 in Ruhestand geht, eine Rente unterhalb der Grundsicherungsgrenze erhalten. Mit geringen Verdiensten bleibt kaum Spielraum, um zu sparen oder Geld für die private Vorsorge zurückzulegen. Vor allem Frauen sind betroffen. Durchschnittlich haben sie im Alter fast 60 Prozent weniger Geld als Männer. Minijobs und Teilzeitarbeit, die sie häufig ausübten, führen in die Altersarmut. Er wäre also wichtig, wesentlich mehr Druck auf politisch Verantwortliche auszuüben; es geht darum, Sachverstand auf die Linderung ansteigender Altersarmut zu konzentrieren. Jetzt sollte über das Zukunftsthema „Alter in Würde“ völlig neu nachgedacht werden.

Quelle: op-online.de

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