Kommentar: Vorerst gescheitert

Christian Lindner, seit genau zwei Jahren Generalsekretär der FDP, ist zurückgetreten. Na und? Was juckt´s denn die Nation, wenn einer aus der Boygroup eines Intrigantenstadls ausscheidet, der in der öffentlichen Wahrnehmung so gut wie keine Rolle mehr spielt?

Ignoriert werden sollte das nach Guido Westerwelle zweite prominente Opfer der aktuellen FDP-Krise allerdings nicht. Schließlich lässt sich an diesem Rücktritt unschwer ablesen, wie es um eine - man wird kurz daran erinnern dürfen - Regierungspartei bestellt ist. Jene Partei, die sich immer mal von Unions Gnaden mit unsäglicher Klientelpolitik profilieren darf, darüber hinaus aber nicht „liefert“, wie es Parteichef Philipp Rösler bei Amtsantritt ja versprochen hatte. Der 38-Jährige wollte zusammen mit den etwas jüngeren Christian Lindner und Daniel Bahr quasi als Trio Liberale die Geschicke der FDP lenken. Doch unter Rösler bleibt die FDP bis heute klare Ideen schuldig. Jetzt ist der vermeintlich „bessere Guido“, eine Wortschöpfung des Magazins „Der Spiegel“, auch noch eines Mitstreiters beraubt, der wegen angeblich herausragender intellektueller Fähigkeiten und ungeachtet seiner Sprunghaftigkeit als Hoffnungsträger gehandelt wurde.

Der rhetorisch gewandte Lindner hatte es offensichtlich satt, krude Strategien zu verkaufen und unausgegorene Konzepte zu verteidigen. Sein Rücktritt ohne jeden Kommentar lässt den von ihm dadurch gewährten Spielraum für Interpretationen. Ergo könnte der Rücktritt als Misstrauensvotum angelegt sein gegen einen Parteivorsitzenden, der resigniert in der Ecke sitzend auf den K.o.-Schlag zu warten scheint.

Dem FDP-Chef dürften nur noch einige Tage an der Spitze der Liberalen beschieden sein. Denn kommt es zu der vom Altliberalen Gerhard Baum geforderten und aus heutiger Sicht wahrscheinlichen Neuwahl der gesamten Parteispitze, hat der junge Rösler gegen den alten Haudegen und an der Basis recht beliebten Fraktionschef und Wirtschaftsminister Rainer Brüderle keine Chance. Vielleicht aber bliebe der Partei die damit verknüpfte Auferstehung der Altvorderen auch erspart. Denn vielleicht kommt ja Lindner aus der Versenkung. Am Ende seiner Erklärung sagte er gestern lächelnd „Auf Wiedersehen“. Das ist fast eindeutig. Schon unken FDP-Führungskreise, Lindner wolle mit seiner Art Fahnenflucht der Verantwortung für die FDP entgehen und sich so die Chance erhalten, „zu einem späteren Zeitpunkt selbst Parteivorsitzender zu werden“.

Das könnte klappen. Denn Lindner bleibt trotz des Rücktritts und der von ihm mit zu verantwortenden Krise für die Mitglieder wählbar. Er könnte quasi einen Guttenberg-Bonus nutzen. Welche Richtung Lindner letztlich einschlagen würde, es wäre ohnehin nicht von Belang. Rösler reichte allein das Versprechen, etwas Neues machen zu wollen, um Westerwelle abzuservieren. Die Nation würde das Programm Lindners beiläufig zur Kenntnis nehmen. Denn immerhin äußerte sich ein Vizekanzler.

Quelle: op-online.de

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