Demografiegipfel

Kommentar: Das Alter birgt auch Chancen

Mehr als die Hälfte der Bundesbürger fürchtet, dass der Sozialstaat kippt, wenn auf die Überalterung der Gesellschaft nicht angemessen reagiert wird.  Von Frank Pröse

Was aber bitte heißt angemessen? Wenn Chancen dieser Entwicklung unter anderem darin bestehen sollten, dass „Ruf-Busse“ in nur noch schwach bevölkerten Landesteilen eingerichtet werden oder die Frage des selbstbestimmten Lebens im Alter aufgeworfen und zum großen Teil mit dem Hinweis auf Mehrgenerationenhäuser beantwortet wird, wie es die Bundeskanzlerin getan hat, dann gute Nacht Deutschland. Mit ein paar Pilotprojekten hier und da ist es nicht getan.

International stellt sich der liberale Vizekanzler auf, der für die gesteuerte Zuwanderung plädiert. Warum aber schielt Rösler über die Grenzen, wo doch erst einmal das Potenzial an Migranten im eigenen Land in großem Stil zu Fachkräften geschult gehörte. Es ist ja nicht so, dass es in Deutschland keinen Nachwuchs mehr gäbe. Der hat nur immer häufiger ausländische Wurzeln. Statt zu hoffen, Fachkräftemangel über Zuwanderung beheben zu können, sollte lieber in die Kinder hier im Land investiert werden, in deren Schulen, deren Lehrer und in Sozialarbeiter. Konzeptionell ist das auf Bildungsgipfeln längst durchdekliniert. Das war es dann aber auch.

Naheliegender als der aus Wirtschaftskreisen immer wieder ertönende Ruf nach längerer Lebensarbeitszeit wäre es doch, das Wissen und die Erfahrung der Älteren auch wirklich länger nutzen zu wollen, sie nicht frühzeitig in den Ruhestand zu schicken und deren Weiterbildung zu fördern. Sicherlich kann Frühverrentung eine arbeitsmarktpolitische Option sein. Wer jedoch zugleich nach längerer Lebensarbeitszeit ruft, sollte sich erst einmal neu sortieren.

Alle wissen, dass sich die demografischen Entwicklungen und ihre Auswirkungen auf Sozialsysteme und Arbeitswelt nicht abspalten lassen von Integrations- und Bildungsfragen. Das hätte der Gipfel denn wenigstens besser herausarbeiten können. Und wo bleibt die optimistische Grundstimmung, wenn de Alterung denn auch noch Chancen innewohnen sollen. Die Veränderung der Gesellschaft wird zu oft als Verlustgeschichte erzählt. Wer lebt schon gerne in einer verwaisten Landschaft oder in einer Gesellschaft, die sich mit großem Getöse „abschafft“? Einen neuen Aufbruch erzeugt man so nicht. Mit einem Gipfel allerdings auch nicht.

Quelle: op-online.de

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