Deutsche Besuche in Griechenland

Kommentar: Persönliche Hilfe erwägen

Sie werden unserer Bundeskanzlerin in Athen heute keinen freundlichen Empfang bereiten. Am Tag des Besuchs wird sich der allgemeine griechische Unmut, der ebenso der Troika wie der eigenen Regierung gilt, auf Angela Merkel konzentrieren. Von Thomas Kirstein

Weil sich in ihr alles personifizieren lässt, was den Durchschnittshellenen immer mehr bedrückt. Sie ist das menschgewordene Spardiktat, dass massiv in die eigenen Lebensumstände eingreift.

Der Protest entlädt sich wohl wider mehrheitlich besseres Wissen. Jedem denkenden Griechen dürfte klar sein, dass niemand bedingungslos ein Fass ein Fass immer wieder füllen wird, dessen Eigentümer nicht ernsthaft gewillt ist, einen dichten Boden einzuziehen. Wir in Deutschland sollten uns indes nicht von den zu erwartenden Bildern aus der griechischen Hauptstadt gar zu sehr irritieren lassen, könnten doch gelassen über den Ausfälligkeiten eines Mobs und dessen flankierender Medien stehen.

Der Durchschnitts-Grieche hat die wirtschaftliche Katastrophe nicht zu verantworten. Er hat nicht geschummelt, um in die Euro-Zone zu gelangen; er hat auch nicht, wie deutsche Finanzpolitiker, damals Zweifel an den Bilanzen ignoriert; er hat seinen Landsleuten keine Kredite aufgeschwatzt, die sie nicht mehr zurückzahlen können.

Lesen Sie dazu auch:

Merkel und Medusa

Nicht jeder Grieche kassierte jahrelang für drei verstorbene Großväter Rente oder konnte es sich erlauben, selbst früh in gut abgefederte Pension zu gehen. Nicht jeder Hellene ist einer der 700 staatlich unterstützten angeblichen Blinden auf der Insel Zakynthos (38 000 Einwohner). Und dahingestellt sei, ob weit verbreiteter Hang zu Sozialbetrug und Steuerverkürzung dem griechischen Staat mehr zugesetzt hat als legale Steuerbefreiungen für milliardenschwere Reeder, ein überzogener Militäretat und der jüngste Auslandstransfer der 2 000 größten Familienvermögen. Bluten muss aber er, der Durchschnitts-Grieche.

Und da er sich im allgemeinen seine traditionelle Gastfreundschaft bewahrt, ist es eine Erwägung wert, über aktuelle Exzesse und Politsünden hinwegzusehen und eine ganz persönliche Griechenland-Hilfe in Form einer Urlaubsreise zu leisten.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare