Amerika und die Krise

Kommentar: Europäische Prügelknaben

Wenn morgen die Welt im Strudel der nächsten Weltwirtschaftskrise untergehen sollte, dann ist gottlob wenigstens die Schuldfrage geklärt: Die Europäer waren’s. Oder?Von Georg Anastasiadis

An allem mangelt es derzeit in der Euro-Krisenzone, nur nicht an (vermeintlich) guten Ratschlägen von jenseits des Atlantiks. Der US-Präsident, die Ratingagenturen und sogar der verhinderte Dr. zu Guttenberg grämen sich öffentlich ob der Überfordertheit der europäischen Spitzenpolitiker. Vor allem der sturen Deutschen, die, so tönt’s aus Übersee, partout ihrer Verantwortung nicht gerecht werden (sprich das Scheckheft zücken) wollen.

Wie schön, dass ein gnädiges Schicksal es der Weltführungsmacht ermöglicht zu zeigen, wie man’s besser macht. Noch zögern Republikaner und Demokraten im Kongress allerdings, die Chance beim Schopf zu packen – um es höflich auszudrücken. 1,2 Billionen Dollar muss die Schulden-Supermacht in den nächsten Jahren einsparen, um an den Märkten kreditwürdig zu bleiben. Demokraten und Republikaner ziehen heftig an einem Strang – nur leider nicht in die gleiche Richtung. Statt gemeinsam das Gespenst einer Rating-Abstufung abzuwehren, fallen die bis aufs Blut verfeindeten Lager wüst übereinander her.

Nun ist es das gute Recht Amerikas, sich vor den Augen der staunenden Weltöffentlichkeit erneut bis auf die Knochen zu blamieren. Nur möge das Washingtoner Establishment aufhören, die Europäer als Prügelknaben herzunehmen für alles, was in Amerika vermasselt wird. Falls es wer vergessen haben sollte: Los ging die Euro-Krise mit dem Öffnen der Geldschleusen durch US-Notenbankchef Greenspan und dem bis heute nicht bewältigten Kollaps des amerikanischen Häusermarkts, der Europas Banken in den Abgrund riss. Wenn Obama mit seiner Wiederwahl scheitert, sollte er sein Dankesschreiben bitte an seine republikanischen Landsleute adressieren statt an Merkel & Co.

Quelle: op-online.de

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