Folgen des arabischen Frühlings

Kommentar: Es kommt zur Nagelprobe

Das Schicksal des arabischen Frühlings scheint jene zu bestätigen, die Islam und Demokratie für inkompatibel halten. Von Lorenz von Stackelberg

In Ägypten hatten Präsident Mursi und seine Muslimbrüder einen demokratischen Wahlerfolg dreist als Universalvollmacht verstanden und das Land tiefer gespalten als in der Mubarak-Ära. Ob sie sich hätten abwählen lassen, wird man nie erfahren, weil das Militär ihrem dogmatischen Dilettantismus ein Ende machte – jetzt aber leider die Kluft noch weiter vertieft. Das Ganze erinnert an den Militärputsch von 1992 gegen die erfolgreiche „Islamische Heilsfront“ in Algerien, der in einen jahrzehntelangen Bürgerkrieg mündete, und gibt Anlass zu großer Sorge.

Die andere Möglichkeit scheinen die türkischen Islamisten zu repräsentieren, deren Erfolgsserie unter Necmettin Erbakan in den Neunzigern vom Militär gestoppt wurde. Sie widerstanden der Versuchung, den Weg des blutigen Widerstands zu gehen und machten so die atemberaubende Erfolgsgeschichte eines Recep Tayyip Erdogan möglich – der jetzt allerdings, mit jahrelanger Verzögerung, autokratische Züge zu entwickeln scheint.

Vor diesem Hintergrund richtet sich der Blick auf Tunesien, wo das islamisch-demokratische Experiment durch extremistische Killer und mangelnden Wirtschaftserfolg in Bedrängnis gerät – und in Teilen der Bevölkerung der Wunsch wächst, nach ägyptischem Vorbild die Regierung zu stürzen. Schadenfreude wäre fehl am Platze. Gerade die Europäer müssen darauf hoffen, dass Regierung und Volk in Tunesien die entscheidende Nagelprobe bestehen und allen Extremisten zum Trotz die Machtfrage in einem demokratischen Prozess beantworten.

Quelle: op-online.de

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