Forderungen aus Griechenland

Kommentar: Pure Verzweiflung

Ein Land, dessen Bürger in fünf Jahren ein Viertel ihres Einkommens verloren haben, dessen Säuglingssterblichkeit um die Hälfte gestiegen ist und dessen Schulabgänger zu zwei Dritteln auf der Straße stehen, klammert sich an jeden Strohhalm – und sei es die Illusion, von Deutschland dutzende Milliarden an Kriegsentschädigungen zu erhalten. Von Georg Anastasiadis

Die Politiker des im II. Weltkrieg von SS und Gestapo schwer heimgesuchten Griechenlands kennen ihre wackelige Rechtsposition. Doch besseres Wissen hielt Staatspräsident Papoulias gestern nicht davon ab, seinen Berliner Gast Joachim Gauck mit Reparationsforderungen zu traktieren. Das war nicht sehr gastfreundlich. Aber es verrät das Ausmaß der Verzweiflung, die sich der griechischen Eliten vor einer schicksalhaften Kommunalwahl bemächtigt hat. Nur mit Geldforderungen an die Adresse der wegen ihres Sparkurses in Hellas extrem unpopulären Kanzlerin glauben Athens Politiker, ihre massenhaft ins extreme linke und rechte Lager fliehenden Wähler bei der Stange halten (und den Sturz der Regierung verhindern) zu können.

Griechenland, das ist wahr, hat in den vergangenen Jahren Sparanstrengungen erbracht wie kein Euroland vor ihm. An seiner desolaten Lage hat sich freilich wenig geändert, weil Reformen (vor allem der völlig ineffizienten Staatsverwaltung) und Privatisierungen, die das Wachstum hätten anschieben können, verschleppt wurden. Sie werden von der Gesellschaft, stärker als in anderen Krisenländern, weiter wütend bekämpft. Solange die Griechen überfällige Reformen immer nur als ausländisches Diktat begreifen und sich dagegen auflehnen, statt sie zu ihrer eigenen Sache zu machen, wird sich an der Misere wenig ändern: Hellas wird von seinen Gläubigern herumgeschubst. Und von seinen Politikern weiter auf Wunder vertröstet, die es, Stichwort Reparations-Milliarden, niemals geben wird.

Quelle: op-online.de

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