Friedensnobelpreis für EU

Kommentar: Gelebte Aussöhnung

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Marc Kuhn

Er ist eine Auszeichnung in schweren Zeiten: Gerade deshalb kommt der Friedensnobelpreis für die Europäische Union genau rechtzeitig. Seit Jahren kämpft sie mit Milliarden für den Bestand ihrer Währung und für den Erhalt der Gemeinschaft. Von Marc Kuhn

Ihr Rückhalt in der Bevölkerung ist indes nicht besonders groß. Den Bürgern - nicht nur in den wirtschaftlich angeschlagenen Staaten - ist schwer vermittelbar, dass unvorstellbar große Summen in die Haushalte gepumpt werden, während gleichzeitig die Leistungen der Länder massiv runtergefahren werden. Zu Recht hat das Nobelkomitee jetzt ein Zeichen gesetzt.

60 Jahre Frieden und Aussöhnung - für die Nachkriegsgenerationen sieht so die Normalität aus - für Millionen früher Geborener war sie das nicht. Europa ist stets ein Kontinent gewesen, der von Kriegen, Glaubenskonflikten und nationalen Egoismen zerrissen wurde. Unglaublich viele Menschen mussten über Jahrhunderte für diese Katastrophen mit ihrem Leben bezahlen. Seit Gründung der EU sind die Ressentiments Stück für Stück abgebaut worden. Aus Feinden wurden Freunde. Die Staaten haben ihre nationalen Identitäten bewahrt, aber gleichzeitig hat der Europa-Gedanke sich bei den Bürgern ausgebreitet. Deshalb hat die Europäische Union die symbolträchtige Auszeichnung verdient - die EU ist die täglich gelebte Aussöhnung.

Wie bei den vorherigen Verleihungen ist der Friedensnobelpreis für die EU aber nicht nur Anerkennung für das Geleistete, sondern auch Ansporn für die Zukunft. Und den braucht sie dringend. Die Herausforderungen sind schließlich groß: Die Schuldenkrise ist bei weitem noch nicht ausgestanden. Wechselnde Regierungen erschweren Konfliktlösungen ebenso wie strukturelle Defizite in der Union. Die Integration der Länder Osteuropas und des Balkans ist schwierig, bietet aber die Möglichkeit, jahrhundertealte Auseinandersetzungen abzubauen - ganz im Sinne des Friedensnobelpreises.

Das Projekt Europa steht somit auch nach 60 Jahren erst am Anfang. Euro, Binnenmarkt, Frieden und Aussöhnung sind erreicht, müssen aber immer wieder verteidigt werden. Das Ringen um die politische, wirtschaftliche und soziale Zukunft ist ein zäher Prozess - entscheidend ist, dass die Europäer ihn gemeinsam gehen. Sie sollten auf den Nobelpreis stolz sein. Schließlich haben die Bürger für die EU auch Opfer gebracht.

Quelle: op-online.de

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